Der Bodensee-Dampfboot-Club im Seemuseum

 

Das Jubiläum liegt in der Luft. Peter verhandelt mit den Leiterinnen des Seemuseums in Kreuzlingen über die Räumlichkeiten für die Generalversammlung. Die Damen sind nicht nur hübsch, sondern auch schlau. Am Ende hat Peter die Zusage für den Raum und dazu vollmundig versprochen, in der öffentlichen Vortragsreihe des Museums das Hobby der Dampfböötler vorzustellen…

Mittwoch, der 07. März ist das ominöse Datum. Ein Artikel in der «Thurgauer Zeitung» macht darauf aufmerksam, die Museumsleitung erkundigt sich, wie viele Stühle sie aufstellen soll, und Peter kommt holterdipolter in ziemlichen Aktivitätsdruck. Aber wofür hat man denn den «Bodensee-Dampfboot-Club» und ein Telefon? Subito wird organisiert: Hanspeter und Sylvia holen ihre «Copine» aus dem Winterquartier – sie ist das kleinste Boot – und fahren vor dem Museum vor. Mit vereinten Kräften wird das Dampfschiff samt Trailer in den Vortragsaal – zum Glück ist er ebenerdig! – gewuchtet. Kim packt ihr unvermeidliches Notizbuch ein (Peters Auftrag: «was Nettes schreiben!») und die anderen sollen gefälligst vollzählig und mit möglichst vielen Freunden, Verwandten und Wasserbegeisterten auftauchen! Machen wir, ist klar.

Der Abend naht, es regnet, Grüppchen treffen ein. Wir Dampferdamen, Kims Freundinnen, ein paar verstreute Frauen dazwischen. Und viele Männer – ganz viele Männer, und fast alle haben Bärte oder Schnäuze! Ich bin baff. Die Museumsleiterin erstaunt das gar nicht, sie hat diese ientel erwartet. «Sind doch alles Kapitäne und Seebären, oder?» Nun ja, trotzdem… René mit seinem momentanen Musketier-Schnauzbart (extra gewachsen und gewachst für den Nostalgie-Tag beim Jubiläum) fällt hier gar nicht mehr auf.

Knapp 50 Besucher nehmen rund um die auf Hochglanz polierte «Copine» Platz, ein paar Stühle kommen zusätzlich aus dem Hinterkämmerchen, und es wird ruhig. Peter räuspert sich, holt tief Luft – und kommt dann langsam in Fahrt. Erzählt grundsätzlich mal von Dampfbooten im Allgemeinen und seiner «Seraphine» im Besonderen, von Feuer, von Holz – Kohle – Holzkohle, von Wasser (kalt, kondensiert, süss und salzig, im Kreislauf und immer genug im Kessel), von Dampf (aufgeheizt mit viel Geduld, möglichst gut berechnet vor dem Seebeizli, vom Überdruck und dem Ventil…) und verschafft den Anwesenden mit tatkräftiger Hilfe seiner Annegret – sie stellt zielgerichtete Fragen – einen guten ersten Überblick.

Dann schweift sein Blick über die anwesenden Dämpfeler. Man fühlt sich sofort zurückversetzt in die Schulzeit: wer kommt dran, wer muss was sagen? Ich verstecke mich aktiv hinter meinem gespitzten Bleistift, Hanspeter symbolisch hinter seinem Staubwedel – er hat das ganze Messing geputzt, er hat seinen Teil schon beigetragen!

Es trifft Hansueli. Kurz den Schnauz glätten. Dann erzählt er von den Anfängen des Dampfboot-Hobbys am Bodensee. Von seinem Segler «Heureka», den er vor etwa 22 Jahren zu einem Dampfboot umbauen lassen wollte. Und dass ihn alle schon ein bisschen als Spinner angesehen haben. So was gab es nicht, das geht auch nicht, und überhaupt. Wie er es dann aber doch «dure g’stieret» hat, mit Hilfe von Walter Bünter, der Kessel und Maschine und sonstige Einzelteile liefern konnte. Und wie er nun schon fast seit einem Vierteljahrhundert auf dem Obersee dampferlet. Unterdessen ist das fischende Dampfschiff mit den nachgeschleppten «Hündli» bekannt wie ein bunter Hund, die schwer beladenen Kiesschiffe verlangsamen noch ein bisschen mehr und halten einen Plausch mit Hansueli und Ruth, und die Kursschiffe hupen zur Begrüssung und warten gespannt auf den antwortenden, vom Dampfwölkchen begleiteten Pfiff. Es gibt ersten Szenen-Applaus, das Beret wird zurechtgerückt, erleichtert Platz genommen.

Peters Adlerauge schweift Richtung Markus Toscan. Auch der erhebt sich brav aus der Menge. Ganz der immer ölverschmierte und herumschräubelnde Mechaniker geht er auf die Maschine ein. Sein Gebiet sind die Zylinder, die Bar und die Knoten, die Ventile, die Dichtungen, und nicht zu vergessen: der Injektor. Markus mag «den Injektor» - nicht zu verwechseln mit dem Inspektor! - sehr. Die Faszination der Dampftechnik hat ihn schon als Jungen gepackt. Über das ausgestellte Dampfboot (es hat eine schwedische Breding-Maschine) schlägt er den Bogen zum Dalsland- und zum Götakanal und zu seinen beiden eigenen Dampfbooten, der eleganten, selbst gebauten kleinen «Eva» und ihrem grösseren 6-Tonnen-Kollegen «Olle», die beide in Schweden zu Hause sind und jeweils darauf warten, dass Markus in seinen Ferien wieder an ihnen werkelt.

René als nächster Redner ist nicht der Maschinen-Ingenieur – seinen Übernamen «der mit den Hebammenhänden» wird er nicht mehr los (obwohl er unterdessen schon ein sehr erfahrener und toller Dampfboot-Kapitän ist) Er hat als kleiner Seebub in Romanshorn noch die alten Dampfschiffe kennengelernt. Die Romantik der grossen Dampfschiffe hat ihn gefangen – er reist seit Jahren in der Welt herum und besucht «die Letzten ihrer Art». Ich reise wann immer möglich mit. Zu den englischen meertauglichen Seitenrad-Dampfern, den riesigen Mississippi-Schiffen mit dem roten Heckrad, den tulpengeschmückten Schlepp-Dampfern der Holländer, der Flussdampfer-Flotte in Dresden und natürlich der Seedampfschiff-Flotte der Schweiz. In Australien wird Eukalyptus verfeuert, in Skandinavien ist es Birke, auf dem Nil keimte die Idee zu einem eigenen Dampfbootchen. Und jetzt ist er endlich pensioniert und hat ein bisschen mehr Zeit für unsere schöne «Lady Makepeace»…

Der Vortragsabend neigt sich langsam dem Ende zu. Als Abschluss zeigt Peter einen Dia-Film mit einer Übersicht unserer schweizerischen und deutschen Boote. Wie immer wieder anders sie doch sind – wir staunen wieder mal über die riesige Auswahl der verschiedensten Stile. Und man kommt wie immer zum Schluss: alle Dampfboote sind supertoll – und das Eigene ist doch das Allerschönste!

Der Abend klingt mit einem Gläschen Weisswein und ganz vielen guten Gesprächen aus. Die aufgelegten Exemplare der schweizerischen, deutschen und englischen Vereinsheftli sind alle weg, die Visitenkärtchen ebenfalls. Nimmt mich wunder, wie viele Herren mit Bart uns beim Jubiläum besuchen und mit Hinweis auf diesen Abend auf eine Mitfahrgelegenheit in einem unserer Dampfboote hoffen…

Heute gelernt:

Wenn’s drauf ankommt, hält der Bodensee-Dampfboot-Club zusammen – und bringt immer wieder «öppis G’freuts» zu Stande!

 

 

 

 

 

Starauflauf am Bodensee zum 35-Jahr-Jubiläum vom DDV und VSD, 10. Mai

 

Super Star («Stefanie»)

Mit viel Überredungskunst einer Gruppe rund um Franz wurde mein ganz persönliches «Flaggschiff» noch einmal ins Wasser gebracht. Jetzt dampft sie am Corso mit: gemeinsam an Bord sind zwei Octogenarier: Hans Götz (vom deutschen DDV) und Walter Bünter (vom schweizerischen VSD), die damals, vor 35 Jahren, zusammen ihre jeweiligen Vereine gegründet haben. Man munkelt, das sei die allerletzte Fahrt der «Stefanie» gewesen – aber die hat sich doch wirklich rundum gelohnt!

 

Movie-Star («Patrizia»)

Hier kommt der TV-Star! Dres – «der mit dem Dampfschiff» - Ellegast hat stellvertretend für alle Dampfboote mit seiner «Patrizia» einen höchst informativen Auftritt beim SWR. Wenn man das Hobby nicht schon ausüben würde, dann würde man sich dieser Sendung tatsächlich gleich darin vertiefen wollen…

  

Royal Star («Duchess of Argyll»)

Boahhh, ist die SCHÖN! Und sie hat sogar eine Krone… Obwohl wir wie sie am Bodensee wohnen, haben wir sie bis jetzt noch nie gesehen – Bregenz ist eben weit. Ein Zuschauer steht ganz ergriffen vor all den glänzenden Hähnchen, Anzeigen, Hebelchen, zuckenden Zeigern, und meint staunend: «der Besitzer war früher bestimmt ein Uhrmacher…»

 

Sterntaler («Gustav Prym»)

Eine grossartige Erfindung, der Druckknopf, und man hat auch schon mal richtig gut Geld damit verdient. Damals konnte man sich anscheinend problemlos ein mittelgrosses Dampfschiff (namens «Gustav Prym») vor die eigene Villa (namens «Villa Prym») mit Seeanstoss stellen. Vor dieser Villa – heute das Vereinshaus des YCK – findet dann auch die akribisch berechnete Preisverteilung statt.

 

Wandering Star («St. Urs»)

Sie ist mit ihrem eingespielten Team bei den meisten Dampfboot-Rennen dabei, und trotz Holzfeuerung immer in den vorderen Rängen. Dieses Jahr rauscht sie schon im Flug über die Startlinie und holt mit einem Kantersieg die Trophäe zum ersten Mal überhaupt in die Schweiz. Ist ja auch ein Wanderpokal – ist doch schön, dass er von Boot zu Boot wandern darf!

 

White-Star(-Line) («Steamy»)

Ein ganz und gar von Grund auf selbst gebautes Boot, das erste Mal am Bodensee, das erste Mal beim Corso/Rennen dabei – und er kam, sah, und siegte. Den Corso-Siegerpokal mit den antiken Kabinen-Lämpchen der White-Star-Line (ja, auch die «Titanic» gehörte zu dieser Gesellschaft…) erhält er zwar - in diesem Jahr. Aber wenn beim nächsten Treffen die Bartdichte in die Berechnung einbezogen wird, dann hat der glattrasierte Kapitän keine Chance mehr, jawohl!

  

Sechsy Star («Lady Makepeace»)

Beladen mit Gästen, umschwirrt von Drohnen, umjubelt von den Zuschauern am Ufer, nach einem fulminanten Fehlstart («5 Minuten NACH dem ERSTEN Signal, hört denn hier niemand zu!?!») kriegen wir am Ende die Trophäe für den 6. Platz, Das freut meinen Kapitän mit dem Jubiläums-Schnauzbart ganz besonders: er wird am 6.6. 66 Jahre alt – das passt doch!

 

Lucky Star («Sunrise»)

Sie wassert als eine der Letzten ein, beim Corso weist sie die Ranglisten-Berechnung ebenfalls als Letzte aus. Aber wie es so schön heisst: die Letzten werden die Ersten sein: die «Sunrise»-Crew erhält den gestifteten Sextanten. Die Ehefrau guckt etwas zweifelnd, aber man kann das antike Gerät dann schon irgendwo irgendwann irgendwie mal brauchen, bestimmt!

 

Twinkling Twin Stars («Isle of Jura» und «Lagavulin»)

Die eine ist die weisse Hälfte der «Whisky-Fraktion», vom Neuenburgersee, die andere ist die blaue Hälfte, vom benachbarten Murtensee. Beide haben ihren namengebenden Whisky an Bord, beide Dampferdamen sind natürlich blond – echt wahr! -, beide Kapitäne haben die Ruhe weg und bedienen ihre zuverlässigen Maschinen mit dem kleinen Finger (oder so). Ein hübsches Paar, diese beiden Dampfboote.

  

Nordstern («Min Deern»)

Sie kommt von weit weit her und hat den coolsten Kapitän – der hat immer die Ruhe weg. Sogar als wir ihm seine Mannschaft abwerben (Mechthild schippert unsere «Lady M.» zur Mainau, Harald zurück), lächelt er nur milde. Sie schaffen halt alles auch allein, er und «sein Mädchen»

  

Southern Star («Erpel»)

Dieses hübsche Dampfboot mit dem glänzenden Gefieder – pardon, honigfarbenen Holz – durchpflügt den See der Länge und der Breite. Auf der Suche wonach? Sorry, liebe(r ) «Erpel», du bist weiterhin die einzige Dampfschiffente (Tachyeres pteneres) in der nördlichen Hemisphäre - alle anderen leben immer noch auf der Südhalbkugel. Aber komm’ doch wieder mal vorbei und such’ weiter!

 

Eastern Star («Aladin»)

Ein liebevoll gepflegter, leicht kopflastiger Salondampfer aus der Ostschweiz (er ist in Kreuzlingen zu Hause) und einem Namen wie aus Tausend-und-einer-Nacht. Wir sehen ihn vor allem beim Abdampfen und beim Andampfen und beim Einkehren ins Staad, bei der Autofähre. Im Sommer hält er Siesta – dann segelt der Kapitän lieber.     

 

Züri-West Star («Dampfhans»)

Östlich von Winterthur ist die Schweiz sowieso zu Ende – sagen manche Rest-Schweizer. Dieses Dampfboot kommt von der Limmat, tiefster Kanton Zürich. Aber den Bodensee, den mögen sie dann doch – besonders wenn so viele Dampfboote auf einem Haufen ein ganz grossartiges Jubiläum feiern. Da ist er dabei!

 

Black Star («Pluto»)

Schwarz, schweigend – und schnell. Das Wetter ist fast immer strahlend schön, der See ist gross und ruhig. Die 25 Pferde(stärken) dürfen endlich mal zeigen, was sie können, sie durchpflügen die Wellen in alle Himmelsrichtungen. Und der Zeppelin schaut von oben zu.

 

Krasnaya zvezda («Kamianiuki»)

Ein eher kleines, blitzweisses, ziemlich neues Dampfboot, es ist das erste Mal an einem Treffen dabei. Es sieht aus wie ein Dampfschiff aus dem Bilderbuch, inklusive schmuckem Kapitän, der auffällige Marine-Offiziers-Hut hat lange Bänder und kyrillische Schrift. Entzifferungsversuch: «Kruzenstern»? «I love Svetlana»? Lösung: es heisst «Schwarzmeerflotte»!

  

Retro-Star («Beryl of Avon»)

Elegant und extravagant läuft dieses Holzboot vorne UND hinten spitz zu. Praktisch! Als das Dampfboot «Zicken macht» und ruckelt und zuckelt, wird kurzerhand die Flagge umgehängt, dann dampft man eben im Rückwärtsgang zur Mainau. Und keiner hat es gemerkt! Auf dem Rückweg läuft alles wieder regulär: es war nur eine Schraube locker (doch, wirklich, Alfred hat es genauso gesagt!)

  

Vanishing Star («Heron»)

Die «Heron» kommt so oft wie möglich an den Bodensee, vom Schwarzwald zu uns ist es ja auch nicht so weit. Kamils Wohnmobil zieht das stabile, immer äusserst gästefreundliche Dampfboot problemlos – wenn es sein muss auch bis nach Skandinavien. Leider wahrscheinlich nicht mehr so lange: die «Heron» ist – schweren Herzens – zu verkaufen.

  

Singender Stern («Minette»)

Der immer gut gelaunte Musikdampfer vom Zürichsee. Der Kapitän schippert vorzugsweise mit Blondine (immer dieselbe!), swingenden Klängen aus dem schiffseigenen Lautsprecher, und wenn möglich einem guten Tropfen im Glas. Im SWR-Filmchen fasst er das Bodensee-Jubiläum treffend zusammen: «Es könnte nicht schöner sein!»

  

Stars for ever («Theansa»)

Zusammen mit der «Stefanie» eines der Boote, die schon ganz am Anfang mit dabei waren. Gut im Schuss (Dampfboot wie auch Kapitän), die Taue ordentlich geschnürt und etikettiert, die volle graue Mähne gepflegt, und diese Dampfpfeife – diese berühmte, beneidenswerte, melodiöse, einfach einzigartige Dampfpfeife!

 

Flaming Star («Etna»)

Er ist schön, er ist schnell, er ist gastfreundlich, er vertritt die SBA, die britische Steamboat-Association, sehr würdig. Mir gefiel natürlich auch sein Vorgänger «Vesuvius» sehr gut. Aber ist nicht bei einem der letzten Treffen mit dem «Etna» der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen? Und gerade eben der hawaiianische Kilauea? Mmmh, unsere Hegau-Vulkane wollen ihn doch nicht etwa mit einem kleinen Lava-Strom begrüßen?

 

Historical Star («Tide»)

Sie ist ein grüner Salondampfer, kommt ursprünglich aus Bremen. Sie ist gross (Länge 12 Meter), und das muss sie sein, denn sie hat Platz für alles: schwere Samtvorhänge , historische Kostüme, Pyjamas und Zahnbürsten, Sonnen- und Regenschirme, Holz und Hunde, antiken Schmuck und Straussenfedern – und ein Gewusel von lauter netten, kleineren und grösseren Menschen.

  

Starlet («Lilu»)

Sie ist noch jung und klein. Aber sie zeigt ihre Zähnchen, sie faucht und raucht und dampft und stampft eifrig mit. Und wenn irgendwo was klemmt, dann pfeift die Frau Kapitän in der Matrosenbluse so laut wie möglich und saust zurück zu ihrem Mutterschiff, der «Tide».

  

Golden Star («Butterfly»)

Eine auffallend lange, schnittige, Form – ohne Dach, wahrscheinlich wegen der Windschlüpfrigkeit - dazu eine sonore Pfeife, ein weit herum sichtbarer, da sehr grosser und goldglänzender Kessel, und einen Steg ein paar Meter neben dem Wohnhaus in Allensbach. «Fritz Germany» hat geht es gut mit seinem Dampfboot (und mit Bärbel…)

  

Special Star («Joseph Conrad»)

Immer etwas ganz Besonderes, wenn der dampfende Waidling mit dem spritzenden Heckrad auftaucht. Das Zitat aus dem Roman «Herz der Finsternis»: «auf der zweimonatigen Fahrt kroch das kleine rußige Dampfboot stromaufwärts, wie ein schwerfälliger Käfer", stimmt überhaupt nicht – unsere Joseph Conrad bewegt sich behände wie ein Wasserläufer!

 

Celestial Star («Seraphine»)

Die einheimische «Seraphine» ist wahrscheinlich nicht immer ganz so engelhaft, wie ihr Name suggeriert – wäre ja auch langweilig! Aber sie ist seit Jahren ein sicherer, stabiler Wert bei allen Treffen, bei kleinen wie der «Austernfahrt» genauso wie beim grossen diesjährigen Dampfboot-Corso, im Inland genauso wie im Ausland – der Kapitän macht alles mit: «du weisst nie, wenn es plötzlich nicht mehr geht!»

  

Lonely Star («Liberty Belle»)

Dieser auffällige kleine Seitenrad-Dampfer mit dem «jöh-wie-herzig»-Effekt kennt schon beinahe alle Gewässer in Europa. Den Bodensee hat er schon oft besucht – am liebsten dreht er mit Ehefrau und Hund solitäre Runden, entdeckt die abgelegensten Buchten und Inselchen und exploriert möglichst viele Zu- und Abflüsse des schwäbischen Meeres.

 

Shining Star («Penelope»)

Ein alteingesessenes Zürichsee-Schiff mit viel Holz und Messing – immer blank geputzt – und einem kleinen Salon. Der Kapitän baut gern an seiner glänzenden Maschine herum und stellt immer mal wieder neue faszinierende Teile her. Das kann er selbst, das hat er gelernt.

  

«…sie folgten dem Stern…» («Münchhausen»)

Sie kommt von Bodman herauf und gehört dem Gastgeber des bekannten, schon traditionellen 3-Königs-Treffens am 6. Januar. Dieses unterbricht jeweils die langen dampfbootlosen Wintermonate, und man sieht ein paar Dampferkollegen, was doch immer wieder Freude macht – sommers wie winters…

  

Oldtimer-Treffen, 30 Jahre MSC Sernatingen ( Ludwigshafen )     

17. -19. August

 

(Teilnehmer: so etwa 700 Oldtimer, ein Dampfboot, und keine Kanone…)

 

Ein weiterer sonniger Freitag in der Mitte dieses aussergewöhnlich heissen Sommers. René hat schon früh angeheizt und dampft geruhsam von Güttingen nach Kreuzlingen Hafen, wo ich ihn völlig übermüdet (nach dem Nachtdienst…) und schwer beladen mit Picknickzubehör und noch kühlen Getränken erwarte.

 

Dampfboot anlegen (das hiesige Ausflugsschiff «Delfin» findet es immer toll, wenn wir neben ihm sind und mal pfeifen), Kim einsteigen, eifrig fotografiert werden, viele Fragen beantworten – und dann sind wir auf dem Weg nach Ludwigshafen ans Oldtimer-Treffen. Der Obmann Süd Dres Ellegast hatte angefragt, muss aber selbst auf einer anderen Hochzeit tanzen. Ehrensache, dass wir die Dampferszene vertreten. Der Überlinger See ist ja wirklich auch sehr schön, und eigentlich sind wir viel zu selten dort hinten. Ist halt doch eine weite Reise mit so einem kleinen Bootchen… Wir müssen jeweils auch den gesamten verfügbaren Raum eng mit Holz bepacken, damit es für den Hin- und den Rückweg reicht und dampfen diese Strecke darum meistens nur zu zweit, ohne Gäste.

 

Im Konstanzer Trichter ist es noch kabbeliger als sonst, es weht ein frischer Wind. Vor der Meersburg-Autofähre noch einmal genug Druck aufbauen – dann ‘rüber kreuzen («schnell wie ein Gepard!»). Genau wie die Rheinbrücke machen wir auch das mit viel weniger Herzklopfen als in früheren Jahren. Unsere «Lady Makepeace» hat uns eben immer wieder gezeigt, welch ein gutes und zuverlässiges Schiff sie ist – und auch wir haben unterdessen einiges an Erfahrung gesammelt.

 

Der Wind frischt weiter auf, unsere Flagge bewegt sich schon gar nicht mehr, sondern steht straff senkrecht. Im Zickzack-Kurs - immer gerade in die Wellen! - vorbei an der Mainau, an Unter-Uhldingen mit seinen Pfahlbauten, wir halten auf die Birnau, eine weithin sichtbare barocke Wallfahrtskirche, zu. Alles läuft gut, es hat viele Segler hier unten, und es werden immer mehr. Hier weht oft ein kräftiger, böiger Wind, urplötzlich kann er innert Sekunden um 180° von Rücken- in Gegenwind umschlagen. Die Segler ziehen dann schnell die Köpfe ein, während ihre «Bäume» knatternd herumschwenken. Ich bin wie immer vorne im Bug und schon ziemlich nass und zerzaust. René hat seinen finnischen Kapitänshut aus Birkenrinde schon lange sicher verstaut, flucht leise vor sich hin und hält Ausschau nach dem nächsten, möglichst windgeschützten Hafen. Aber das Wetter ist weiterhin schön und warm, keine Warnblinker bis jetzt. Über uns der Zeppelin, der zusieht, wie ein einsames ganz kleines rauchendes und fauchendes Dampfboot im Schneckentempo stur auf Ludwigshafen zuhält – wir schaffen das schon, schliesslich werden wir erwartet! Unsere Reise dauert jetzt schon über sechs Stunden, die Holzvorräte schwinden, der Picknickkoffer ist geleert… Am Schluss werden es über sieben Stunden sein. Kurz vor dem Ziel flaut der Wind wieder ab, aber der Himmel wird dunkelschwarz. Wir halten auf den Steg mit dem winkenden Dieter Jaenicke zu. Der begrüsst uns freudig, übergibt den Schlüssel, und muss gleich wieder weg – er organisiert diesen Grossanlass. «Ab 19:00 Pizza im Zelt, bis dann!»

 

Sofort versammelt sich ein interessiertes Grüppchen des lokalen Wassersportvereines. Der uns zugewiesene Platz am Kopfsteg gefällt ihnen nicht. In einer halben Stunde kommt der Sturm, sagen sie, und mit Stürmen aus dieser Richtung ist nicht zu spassen, murmeln sie, und dieses schöne Boot da – das geht ja gar nicht! Flugs werden wir in eine leere «Box» umgeleitet. Der eigentliche Besitzer ist auch da, er musste wie viele andere seinen Segler schon auswassern, da der Wasserstand in diesem trockenen Hitzesommer einfach zu tief ist. Unter regen Anweisungen («da lockerer… da 10 cm fester…») vertäuen wir gehorsam das Boot. Als ziemlich genau 30 Minuten später tatsächlich die Sturmwarnung aufgeregt blinkt, der Himmel giftig schwefelgelb wird, der Wind beinahe die Zelte wegbläst und der letzte Segler mit völlig zerfetztem Vorsegel schwankend in den Hafen geschleppt wird, sind wir unseren Helfern doppelt dankbar…

 

Um sieben Uhr ist der Spuk schon wieder vorbei. Wir stehen schüchtern im Zelt des Organisationskomitees. Wir kennen hier ja keinen Menschen! Ist kein Problem, wir werden äusserst herzlich empfangen, man freut sich wirklich, dass wir hier sind. Was denn nun die Erwartungen an uns sind an diesem Festival? Nun, erst mal hübsch aussehen – kein Problem, das können wir. Dann: laut pfeifen. Renés Augen leuchten auf. Es ist eben so: eigentlich wird das Oldtimer-Treffen seit 30 Jahren von einem Böllerschuss aus der Kanone des Hafenmeisters eröffnet. Aber dieses Jahr ist die Kanone nicht durch den TÜV gekommen… (das ist doch ein Witz, oder? der spezielle Humor von begeisterten Autonarren? Oder ist es doch wahr? Wir wissen es bis heute nicht…) Auf jeden Fall fällt die Kanone dieses Jahr aus, und man rechnet mit unserer Dampfpfeife. René strahlt. Und dann, falls wir vielleicht ein paar Gästefahrten…?!? Gästefahrten würden wir schon machen, klar, kostet sicher nichts, wo denkt ihr hin, aber all das Holz, das wir mitgebracht haben, reicht gerade noch für unsere Heimfahrt in die ferne Schweiz. Holz?!? Kein Problem, sagen die anwesenden Schreiner, Kachelofenheizer, Cheminée- und Pizzaofen-Besitzer. Und danach transportiert der schneeweisse antike VW-Käfer von Klaus immer wieder einen Sack Holzscheiter für unser Dampfboot ins Gelände. Danke schön!

 

Der gestrige Sturm war nur kurz, heute ist schon wieder ein superschöner Tag. Die ersten der erwarteten über 700 Oldtimer (älter als 1978 ist alles willkommen) treffen ein. Während René putzt, poliert und anheizt, schwimme ich eine Runde im See und wandere danach um unser Boot herum. Oh ja, ich kann problemlos stehen und gehen, der Wasserstand… Ich befreie unsere Schraube vom verwickelten Seegras und kann den gestern heruntergewehten Chämi-Gupf (alias «Kamin-Hut») – aus massivem Kupfer, wohlgemerkt! – vom Seegrund heraufholen, ohne gross die Luft anzuhalten. Die Blicke der Organisatoren schweifen suchend nach Westen, nach Bodman. Dort habe es doch auch ein paar Dampfboote, ob die wohl auch ‘rüber kommen, sie sind ja auch eingeladen? Wir wetten da eher auf den Süd-Osten, auf Wolf und die «Asphodele» aus Sipplingen. Am Schluss bleiben wir die Einzigen - dafür müssen wir die Aufmerksamkeit mit gar niemand anderem teilen!

 

Um elf Uhr paradieren wir unter anständigem Druck am Ufer hin und her. Der Bürgermeister hält über Lautsprecher seine Rede, dann guckt er erwartungsvoll auf Organisator Dieter. Der winkt sein Kommando, das Signal geht weiter bis zu Elke, die schwenkt am Strand eifrig ihr Halstuch, wir pfeifen schön lang und laut, und das Fest ist offiziell eröffnet!

 

Echt toll ist es. Zwischen unseren Fahrten machen wir jeweils Pausen und flanieren zwischen den dicht an dicht geparkten, liebevoll gepflegten und glänzend polierten Oldtimern. Es bleibt Zeit für ein Würstchen hier, ein Eis da, und Kaffee-Kuchen mit Fritz «Germany» und Bärbel. Die beiden leider ohne Boot, auch die «Butterfly» musste schon auswassern. Der Wasserstand ist echt ein Problem dieses Jahr! Auf die allerletzte Fahrt an diesem ereignisreichen Samstag nehmen wir niemanden mehr mit. Gemütlich dampfen wir ‘rüber nach Bodman zum Götz’schen Haus. Dort stellen wir uns in Position, dann pfeifen wir – das ist Tradition, das machen wir immer, wenn wir (selten genug) hier unten sind. Und IMMER geht das Küchenfenster auf, und Elfriede winkt. Sie ist immer zu Hause, sie hört uns immer, sie schwenkt immer ihr Geschirrtuch. Zufrieden drehen wir wieder ab. Ein erfolgreicher Tag geht zu Ende!

 

Sonnenuntergang, wir werden von begeisterten Mitfahrern zu Wein und Käse zwischen Buick und BMW Isetta eingeladen. Plaudern, verdauen. Die Luft wird feuchter – wir müssen los und unsere «Lady» zudecken. Auf dem Steg fallen schon die ersten schweren Tropfen. Zum Glück sind wir ein eingespieltes Team und darum schnell: Unsere rote Persenning festzurren, Chämi-Gupf drauf, fertig. Und dann giesst es urplötzlich wie aus Kübeln. Wir können nur noch wendig zurück aufs Boot kriechen. Da liegen wir dann entspannt einer links, einer rechts auf unseren schmalen Holzbänken, nur getrennt von drei Migros-Säcken voll (trockenem!) Buchenholz. Die Blitze tauchen unser Persenning-Zelt in flackerndes rosiges Licht, zwischen dem laut prasselnden Regen und dem stetigen Donnergrollen hört man die Band im Musikpavillon tapfer spielen. Bei «raindrops are falling on my head» summt René gut gelaunt mit, aber als ich frohgemut «Aim siiinging in sä rääääiin» anstimme, sagt er, ich solle aber jetzt sofort mit diesem Gejaule aufhören… Ich weiss, dass ich ganz und gar unmusikalisch bin, aber gar so streng hätte er es trotzdem nicht sagen müssen! Nach ein paar Minuten beleidigtem Schweigen wird es langweilig, und wir spielen «WEISST DU NOCH?»:

 

«als wir das erste Mal bei den Arbon classics waren und vor all den Leuten die Hafenmole schrammten?» - «die stundenlange Nachtfahrt mit den verstopften Röhrchen, mit einem mickrigen Bar Druck?» - «der SWR-Film, die ARD-Crew, der Drohnen-Filmer?» - «das erste Mal Schleusen, in Bad Ems?» - «die erste Autofähren-Querung, mit Horst Schiel?» - «das erste Mal unter der Rheinbrücke, als uns die Dame mit Rollator auf dem Uferweg überholte?» - «das Dampfpfeifen-Konzert zur Ouvertüre vom Musical TITANIC auf dem Walensee?» - «die Sturmfahrt auf dem Thunersee?» - «die Weissweinflasche, die wir aus Versehen versenkt haben?» - «die Rettung der schwimmenden Zwergfledermaus?» - und… und… und dazu noch all die vielen vielen Gäste… Was haben wir alles erlebt in diesen sieben Jahren!

 

Der Regen stoppt so abrupt wie er begonnen hat. Überall kriechen die Leute unter den Sonnenschirmen, aus den Zelten, den Oldtimern, den nostalgischen Anhängern hervor. Die Band spielt immer noch unbeirrt, zum ABBA-Medley wird auf der Wiese zwischen den schnell versickernden Pfützen getanzt, rund um den türkisblauen Dodge, die beiden knallroten MGs, den giftig grünen Mini Cooper – klar machen wir auch mit, kennt uns doch keiner! Das Feuerwerk eine Stunde später findet statt, im Mondschein, alles ist schon wieder trocken, und nach einem dunklen Spaziergang durchs Naturschutzgebiet zum Campingplatz sinken wir todmüde in unseren kleinen alten VW-Bus (Jahrgang 1984, hier läuft er als Youngtimer!)

 

Am nächsten Morgen Frühstück im Zelt des organisierenden «MSC Sernatingen, Oldtimerfreunde e.V.» Alle sind wirklich sehr nett und freuen sich sichtlich, dass ein Dampfboot bei ihnen ist. Vor dem Zelt liegen noch mal zwei Säcke Holz, damit wir auch ganz sicher wieder nach Hause kommen, nach all den Fahrten gestern! Auch heute wird die Veranstaltung wieder durch unsere Dampfpfeife eröffnet – so lange und so laut darf René sonst nie pfeifen, er geniesst es richtig! Und dann verabschieden wir uns leider schon und machen uns auf die lange, geruhsame Heimfahrt. Blauer Himmel, viel Sonne, ein laues Lüftchen, ein paar Schäfchenwolken, glitzernd grünes Wasser belebt mit Stand-up-Paddlern, Segelbooten, Kanus, Schwimmern, Surfern, Richtung Mainau vermehrt die deutschen, die schweizerischen, die österreichischen Ausflugsschiffe, dann die Autofähre (die wir ohne Pause und ohne Wimpernzucken queren – wir haben einen guten, stetigen Druck). Und ganz weit am Horizont, dort ist unser Hafen! Die Heimfahrt hat «nur» knapp sechs Stunden gedauert – der Wind ist eben ein nicht zu unterschätzender Faktor! Und das Holz hat auch problemlos gereicht… Zudecken, erholen. René hat noch ein paar Tage zu tun mit helfen beim Oldtimer-Festival aufräumen, Asche entsorgen, Messing polieren, Maschine schmieren, VW-Bus wieder nach Hause holen – langweilig wird es zum Glück nie mit einem Dampfboot!

 

Es war ein tolles Wochenende, danke für die Einladung, liebe Organisatoren! Wer weiss, vielleicht im nächsten Jahr wieder? Wir helfen gern aus, falls die Hafen-Kanone dann wieder im TÜV hängen bleibt…