S' B'richtle für Norbert (DreiKönigsTreffen in Bodman

 

Es ist der 6. Januar 2016, Dreikönigstag!

Wie immer beginnt er mit Kaffee und Königskuchen. Zu meinem Ärger ist René dieses Jahr ausnahmsweise der König - trotz eifrigem heimlichem Herumstochern mit einer Stricknadel konnte ich das Figürchen dieses Jahr nicht vorgängig lokalisieren... Und wie alle Jahre wieder geht der Tag weiter mit dem Besuch des traditionellen Dreikönigtreffens bei Drechslers in Bodman.

 

Der Parkplatz ist schon gut gefüllt. Wir rennen durch den strömenden Regen, möglichst schnell wieder unter ein schützendes Dach! Die grosse, angenehm warm geheizte Halle ist rappelvoll: viele mehr oder weniger bekannte und auch ganz neue Gesichter, Möbel, Kunst, mechanische Musik- und andere Geräte, so weit das Auge reicht - und alles und alle sind irgendwie dauernd in Bewegung. Sehen, jubeln, herzlich begrüssen, Nettigkeiten austauschen, anstossen, gutes Jahr wünschen, plaudern - und wenn man dann das Gefühl hat, jetzt hat man alle "erwischt", sind ein paar Stunden vergangen, und neue alte Freunde sind angekommen, und alles beginnt von vorn!

 

Ausser vielen vielen gut gelaunten Leuten (überwiegend männlichen Geschlechts, im allerbesten Alter, mit mehr oder weniger Silberhaar auf dem Haupt und/oder sonstwo im Gesicht) gibt es in "Drechslers Panoptikum" bekanntermassen ja sehr viel zu sehen, zu hören und zu bestaunen. Auf einer begehrenswerten Jugendstil-Sitzgelegenheit thronend höre ich mir ein Minikonzert des Hupfeld-Orchestrions an. Nicht nur das Stück ist nostalgisch, auch der Klang driftet aus einer anderen Zeit herüber - nicht zu vergleichen mit den heutigen Tonträgern! Wenn man die Augen schliesst, wähnt man sich in einem Zirkus oder in einer Bar im wilden Westen...

 

Ganze Männergruppen verschwinden in die Werkstatt im unteren Stockwerk und tauchen viel später wieder auf. Mit einer nigelnagelneuen messingglänzenden Dampfschiff-Pfeife unter dem Arm. Oder versehen mit dem plötzlichen heftigen Verlangen nach dieser einzigartigen Fräsmaschine... Gefährliches Terrain, so eine Werkstatt - besonders eine so aussergewöhnlich gut und dampferfreundlich eingerichtete wie die von Norbert!

 

Irgendwann sinkt unsere Damenrunde (wir sind eindeutig untervertreten!) elegant in die strategisch geschickt arrangierten Biedermeier-Sofas und vertieft sich in Kaffee und - natürlich - selbst gebackenen Kuchen. Geplaudert wird so dies und das, es ist warm und bequem, und wir fühlen uns ein bisschen wie in einem Sketch von Loriot...

 

Die Schaukästen mit den mechanischen Blech-Spielzeugen sind beleuchtet und laden zum Staunen ein. Bei den winzigen Modell-Autos (Wiking und Matchbox, die kenne ich noch von meinen Brüdern!) treffe ich auf einen netten Herrn mit rotem Pullover. Ich zeige ihm die VW-Büslein - wir haben einen in echt, champagnerfarben, als Wohnmobil - , er zeigt mir die Jaguärchen: er hat einen in echt, Farbe racing-green, als Bastler-Objekt, aber nächsten Sommer soll er wieder durch den Sommer brummen, ganz bestimmt!

 

Und gestärkt von einem Tannzäpfle-Bier oder einem Gläschen Wein stürzt man sich immer wieder in den Strudel dieser wirklich netten Party.

 

Im Fahrwasser des Kapitäns der "Felicitas" (der sieht mit Mütze und weissem Vollbart so erfurchtgebietend aus, dass ich mich bis jetzt noch nie in seine Nähe getraut habe) lerne ich Oliver kennen, der mir digitale Photos seines im Entstehen begriffenen Dampfbootes zeigt. Wird schön, wenn es dann mal fertig wird! Himmelblau - ich hoffe die Farbe bleibt so -, mit kleinem Bullauge und hohem Salon... unsere Bodensee-Flotte würde sich über dampfenden Zuwachs sicher freuen. Wenn man sich so umhört, dann sollten in den nächsten Jahren nicht nur hier so einige Eigenbau-Boote fertig werden, würde ich vermuten.

 

Einige Vorstandmitglieder des DDV und des VSD gehen in Klausur und diskutieren mit zusammen gesteckten Köpfen halblaut tiefgreifende Themen - will heissen, Josef und Kim trinken zusammen einen Kaffee und essen gemeinsam Apfelkuchen mit Streuseln. Aber die deutsch-schweizerische Annäherung ist doch sehr erquickend, finde ich!

 

Irgendwann lande ich mit einem Geschirrtuch in der Hand in der Küche. Angelika orchestriert mit erfahrener Hand die Hilfsmannschaft: Kuchen und sauberes Geschirr raus, Benutztes rein ins Wasser und blitzblank wieder stapeln - lustigerweise passiert das irgendwie wellenförmig. Gerade eben ein riesiger Berg, dann plötzlich wieder gar nichts mehr. Gute Gelegenheit für uns, sich draussen wieder unter die Leute zu mischen! Am Schluss werden nur noch ein paar Kuchen-Krümel übrig sein, und auch die ganze Gulaschsuppe ist dann in den wohlig gewärmten Mägen verschwunden.

 

Hansjörg ist diesmal ohne seine Klampfe da, aber er umgarrrnt mich mit seinen Verrrsen - vor allem die drrrramatisch rrrollenden "rrr"s hallen noch lange nach...

 

Unser zahlenmässig gut vertretenes Bodensee-Dampfboot-Trüppchen ballt sich an einem Tisch zusammen und möchte die Jahresplanung entwerfen. Aber es wird schnell klar, dass unsere geplanten/gewünschten Veranstaltungen (Andampfen, arbon classics, Austernfahrt, Abdampfen, Nepomuk-Stübchen, Bodensee-Woche, Untersee-Woche, Überlingersee-Woche, Rund-um-den-See-Woche... es hört gar nicht mehr auf!) nicht mehr problemlos jongliert werden können. Also beschliessen wir, einen Doodle zu starten, um einen Termin zu finden, an dem wir unsere Termine koordinieren können, um Terminkollisionen zu minimieren - oh ja, auch wir eigentlich gemütlichen Dampfnostalgiker sind in der Neuzeit angekommen!

 

Wie alle Jahre singt die schwarz gewandete, bunt beschlipste Beinahe-a-capella-Formation "Bodan-Xtett" zu Elenas Klavierbegleitung beschwingte 20-er-Jahre-Lieder, von Veronika, dem kleinen grünen Kaktus und dem spriessenden Spargel, dem wunderschönen Knie, der Liebe ("solamente una vez...", hach, ich schmelze dahin!) und dem Bodensee-Wein. Auf einem zitronengelben Divan sitzend höre ich fusswippend zu, während der Regen unaufhörlich aufs Glasdach prasselt, sinniere über den Lenz und den Frühling des Lebens, der ja ach so schnell vergeht - und in der Pause umringen mich die Sänger, freundlich und lachend und die meisten gut erhaltene Grossväter. Das ist jetzt keinesfalls despektierlich gemeint, sie erzählen mir selbst stolz vom Nachwuchs!

 

Josef Schuck hält eine ad-hoc-Rede und würdigt das gelungene Fest, die zahlreiche Anwesenheit von Dampfer- und anderen Freunden, die musikalische Untermalung und die Hintergrund-Arbeit. Der Mann, der kann's - und man bedankt sich bei allen mit einem tosenden Applaus. Ganz zum Schluss schaffe ich es mal wieder, dem Gründer des DDV, Hans Götz, ein Abschiedsküsschen aufzuzwingen - das braucht Geschick und freut mich jedes Mal diebisch! Und Norbert verabschiedet mich mit den bedeutungsschwangeren Worten: "ich hoffe SEHR, dass MEIN 3-Königstreffen in DEINEM NÄCHSTEN G'SCHICHTLE gut weg kommt..." Klar doch: famose Stimmung herrschte wieder beim DreiKönigsTreffen in "Drechslers Panoptikum"!

 

 

DDV-Treffen in Berlin Samstag, 30. April - Freitag, 13. Mai

Jetzt fahren wir also los, nach Berlin Zeuthen, an das diesjährige deutsche Dampfboottreffen, auf das wir uns so gefreut hatten. Nach reiflicher Überlegung - der Weg ist mit über 800km ja schon sehr weit! - haben wir uns zu einer Teilnahme mit unserer wunderschönen "Lady Makepeace" entschlossen. Das Zugfahrzeug ist angemietet, die Übernachtung auf halber Strecke in Bayreuth reserviert, der Strohhut und die Regenjacke (man weiss nie) gepackt. Noch eine letzte Probefahrt auf dem Bodensee bei wundervollem Frühlingswetter, blühende Obstbäume, ein laues Lüftchen, unsere glänzende Stuart 6 A läuft zuverlässig wie eine Nähmaschine. Und dann kurz vor dem Heimathafen das ominöse "Plopp-Zschschsch"... Das erste Rauchröhrchen unseres 26-jährigen Kessels ist defekt... So kurz vor Berlin!  Ach, was für ein Unglück! Wir wollen nichts riskieren und sagen die Teilnahme der "Lady M." mit schwerem Herzen und unter Tränen ab. Drama pur... Aber da wir schon alles geplant und uns auch auf unsere Freunde vom DDV gefreut hatten, fahren wir trotzdem hin, ohne schweres Mietfahrzeug und Dampfboot, dafür mit meinem winzigen rosaroten Smart und den Versprechen unserer mitfühlenden VSD- und DDV-Freunde, dass wir auf jeden Fall bei ihnen mitdampfen dürfen.

 

Von unserem hübschen Zimmer in Berlin Zeuthen aus haben wir direkte Sicht auf die hoteleigene Marina – ein toller Anblick, all Dampfboote, die ab heute Montag einwassern und den Hafen langsam füllen. Insgesamt werden es dann 19 Boote sein! Wir stehen am Steg, am Platz, wo unsere "Lady" gelegen hätte, und stossen mit einem Mini-Fläschchen "Kieler Tropfen" an, die wir von der "Pauline"-Besatzung zum Trost erhalten haben. Noch ein paar letzte Tränchen, dann machen wir endgültig das Beste draus und packen mit an. Die kleine "Copine" sitzt ganz am Rand im Sand fest und muss mit viel Kraft wieder flott gemacht werden. Die "Tian" hat Maschinenschaden und ist ebenfalls nicht da, die "Beryl of Avon" hatte mehr Glück: Alfred H. hat bis nachts um 02.00 gewerkelt, aber seinen Schaden konnte er beheben. Und auch die „Patrizia" ist da: ihr Kessel ist gerade noch rechtzeitig fertig geworden.

 

Abends versammeln wir uns alle auf der Terrasse unter den Sonnenschirmen, begrüssen uns herzlich, werden einander vorgestellt, trinken einen Toast auf Sue Heise, sie hat Geburtstag (man fragt nicht nach dem Alter, sie ist eine Lady!), dann einen Toast auf eine schöne Zeit in Berlin, dann noch einen auf alte Freunde, noch einen auf neue Bekannte, noch einen auf... Das wird ein wunderbarer Urlaub!

 

Es werden ein paar gemeinsame Ausflüge angeboten. Die Organisation war für unsere doch ziemlich grosse Anzahl von Booten bestimmt eine Herkules-Aufgabe – vielen Dank für alles, Andreas S. und Alfred H. und eure mehr oder weniger freiwilligen Mitstreiter!  Auch hier in den Gewässern in und um Berlin sind Anlegeplätze in genügender Zahl immer ein Problem… Aber wenigstens mangelt es nicht an kulinarisch, landschaftlich oder kulturell interessanten Ausflugszielen.

 

Einer der gemeinsamen Ausflüge findet am einzigen kühlen Tag der ganzen Woche statt, es ist bewölkt, sehr windig, aber wenigstens trocken. Wir sind heute auf der "Patrizia" eingeladen. Anke und Hubert P. von der "Pauline" sind dabei, und Andreas S. vom ganz in der Nähe beheimateten Hausdampfboot "Nepomuk" ebenfalls. Wir sitzen bei Gabi im Salon und frieren nur ein bisschen, im Gegensatz zu den eingemummelten Mannschaften in den offenen Booten... Die Kirche von Köpenick schlägt zwölf Uhr, als wir gleich beim Friedhof anlegen. Der nette junge Pfarrer lehnt freundlich über den Gartenzaun und macht Fotos, während Andreas S. die Holzpflöcke zum Anbinden zwischen die Tulpen haut. Ich dachte ja bis zuletzt, diese anscheinend typisch berlinerische Weise des Boot-Anbindens sei ein verspäteter Aprilscherz... Alle wärmen sich dann in der Pizzeria wieder auf - auch Alfred H., er hatte sich zwar verlaufen, wird aber von Annegret wieder aufgespürt und zurück zur Dampferherde gelotst. Und nach dem Mittagessen scheint tatsächlich die Sonne wieder! Sehr angenehm, denn es folgt eine Stadtführung mit einem etwas mageren preussischen Soldaten, der hatte ganz bestimmt kein Gardemass! Aber er zupft immer wieder zackig an seiner Uniform herum und bombardiert uns unablässig mit Anekdoten, Jahreszahlen und Liebesgeschichten der diversen Luisen, Henrietten und Charlotten. Sehr zum Missfallen des eher pragmatisch veranlagten E. Hackenbruch. Der ist ein Mann der belegbaren historischen Tatsachen, das ganze romantische Geschwurbel ist ihm schnurz. Er zieht sich geordnet zurück und erholt  sich bei einem Feuerchen in seinem „Prometheus". Im prächtigen Rathaus mit der gewaltigen gewölbten Holzdecke können wir anderen dann die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick in einer gerahmten Ausgabe des reisserischen „Extrablatt Cöpenicker Dampfboot" (sic!) selbst nachlesen.

 

Auf der Rückfahrt kämpfen die vier Herren mit Diskussionen und Schraubenschlüsseln verschiedenster Grössen gegen etliche Rohre und den Wasserstand an, während sich die drei Damen über Rosen, Oleander und ihre Ehemänner-Kennenlern-Geschichten unterhalten. Andreas E. legt noch ein paar Scheiter nach, um "Dampf runterzufahren", die Damen wundern sich und sehen, wie die Zeuthener Marine vorübergleitet - bis sich herausstellt,, dass die Männer allesamt die Einfahrt verpasst haben. Danach wird die unvermeidliche Rückfahrt zum Hafen  damit verbracht, eine glaubwürdige Ausrede für diesen faux-pas auszuarbeiten. Die Ladies gucken zweifelnd. Ist auch nicht einfach, schliesslich waren unter anderem der ortskundige Andreas S., die Gewässerkarte von Berlin, vier scharfe Augenpaare mit und ohne Brille und sogar ein ehemaliger Fregattenkapitän mit an Bord!

 

Eine andere gemeinsame Ausfahrt, diesmal sind wir auf der „Theansa", führt uns durch den langen, geraden Gosener Kanal. Auf dem Seddin-See sind wir urplötzlich ganz einsam und allein - weit und breit und vorne und hinten kein einziges Dampfboot - bis wir merken, dass wir die scharfe Kurve verpasst haben... also schnell wenden und durch die Müggelspree zum Mittagessen ins Gartenrestaurant "Klein Helgoland". Sue und Roger H. und Josef Schuck treffen mit dem Solar-Ausflugsboot "Fähr-Bär" ein, die nigelnagelneue  „Etna" spuckte und zischte unvorhergesehen, wie es Vulkane halt so an sich haben, und musste umkehren.

 

Dann wird trainiert: die "Patrizia" und die "Theansa" nutzen die Gelegenheit und absolvieren ein Probe-Dampfboot-Rennen, das unsere eigentlich viel langsamere "Theansa" - hipp hipp hurra! - um eine Nasenlänge gewinnt. Weil wir die Mississippi-Steamboat-Race-Taktik angewandt haben: die 100-jährige "Belle of Louisville" gewann 2015 das Dampfschiffrennen gegen die grössere, schnellere, modernere "American Queen", indem sie ganz einfach die Startlinie, den Wendepunkt und die Ziellinie eigenmächtig einseitig festlegte. So etwas würden wir natürlich nie machen. Nur die Ziellinie, die haben wir dann ganz kurzfristig selbst bestimmt... In der Liebe und beim Dampfbootrennen ist alles erlaubt!

 

Und heute Donnerstag ist DER Tag des Treffens! Zuerst das Rennen, und am Abend dann die Generalversammlung. Die „Iris" mit ihrem kunstvollen Tiffany-Glasfenster im Salon taucht auf, und einige DDV-Mitglieder sind extra für die Versammlung angereist. Dank der neuen Renn-Regeln gibt es dieses Jahr eine Trophäe für alle Teilnehmenden, aber die Spannung ist trotzdem immens. Die Sonne lacht, der See glitzert, die Bojen sind gelegt, die Schornsteine rauchen, die Pfeifen dampfen - und es geht los! Vorneweg die drei Grossen, Ölgefeuerten, („Triton", „Etna", „Münchhausen"), aber ihnen dicht auf den Fersen die "Patrizia", die stolz die schwarze Rauch-Fahne der Holz/Kohle-Boote wehen lässt. Alberto R. von der "Min Deern" erleidet überraschend einen akuten Anfall von Rennfieber, wird aber von der Schuhgrösse des "Theansa"-Kapitäns Wolfgang P. ganz knapp geschlagen und muss sich mit dem zweiten Platz begnügen, während Helmut E. von der "Linnea" auch in diesem Jahr seinen angestammten Platz ganz am Ende erfolgreich verteidigen kann. "Die Schweizer" verstärken diskret und neutral das Mittelfeld, wie es sich für wohlerzogene Gäste gehört.

 

Für die Generalversammlung am Abend brezeln sich alle schön auf, und die Veranstaltung wird in angemessener Zeit vom Präsidenten Josef Schuck durchgezogen. Ein paar Neuwahlen – wir vom Bodensee müssen in Zukunft auf Klaus M. verzichten, erhalten aber in Andreas Ellegast einen würdigen Nachfolger - , die mit Spannung erwartete Bekanntgabe des nächsten Treffens (wahrscheinlich am Main), dann schrammt man knapp an einer ausgedehnten Kesseldiskussion vorbei, und schliesslich klingt der Abend ein bisschen feucht und ein bisschen fröhlich auf der Terrasse des Seehotels aus. Ganz spät, so um Mitternacht, als schon alle im Bett liegen, hört man noch die Pfeife der „Patrizia" durch die Nacht schallen… Wir fragen nicht nach, wahrscheinlich „isch äs nur äs chliises Träumli gsii" (Zitat aus einem Schweizer Volkslied)

 

Das ansonsten wunderschöne, warme, sonnige Wetter versetzt uns alle in Ferien- und Abenteuer-Stimmung. Es bilden sich unternehmenslustige Grüppchen verschiedenster Couleur. Die hübschen Kleinen wie die schmucke „Pauline" und ihr Schwesternschiff „Copine" dampfen gerne kleinere und grössere Schleifen rund um Zeuthen, die „Copine" ist weitherum gut erkennbar am weissen Dampfwölkchen über dem Schornstein (sie hat ein offenes "Auspuff"system). Die Bewohner des Seniorenstiftes gleich neben dem Hotel sind sehr interessiert und zählen eifrig die Runden. Der Raddampfer „Waldstätter" – er hatte einen der weitesten Anfahrtswege – liegt malerisch im Hafen und wartet auf eine neue Batterie, die von ganz weit weg hinter den sieben Bergen angefordert wurde und erst gegen Ende der Woche eintrifft. Bis dahin fährt Chräsi S. halt auf der befreundeten „Münchhausen" mit, die hat immer einen Platz für ihn. Auf der schnittigen, perfekt gepflegten „Pluto" und der schönen „Erpel" – dieses Jahr ohne den obligaten Blumenschmuck, Ingrid fehlt einfach! – sind wir auch mal zu Gast. Die Fahrt geht durch die "wassersportfreundlichste Schleuse von Berlin" (der extra konstruierte Schleusenhaken darf nicht benutzt werden, "kostet 10 Euro!", Berliner Regeln sind echt seltsam!), weiter zum schilfgedeckten "Fährhaus" mit Forelle und köstlicher Rhabarber-Schorle. Helmut E. schippert glücklich mit seiner Erdmute herum und ist erkennbar an drei Wolken: bisschen Rauch, bisschen Dampf, bisschen wohlriechender Pfeifentabak. Die grossen, schnellen „Triton" und „Etna"  haben einen grösseren Radius, kommen aber jeden Abend wieder nach Zeuthen zurück, während die „Liberty Belle" und die „Penelope" sich auf eine mehrtägige Reise rund um Berlin machen – teilweise sind wir mit dabei. Durch den Landwehr-Kanal, unter die siebenbogige Steinbrücke mit den Türmen, vorbei an Kreuzberg und am  Atomkraftwerk, durch einige Schleusen… Die Boote übernachten in Spandau und in der „Scharfen Lanke", die Besitzer kehren jeweils ins Hotel zurück. Unsere Bilderbuch-Dampfboote, z.B. die „Beryl of Avon", die „Prometheus", die „min Deern"  machen Ausflüge zum Krüpelsee, zum Seddin-See, die Dahme rauf und runter. Auf der Schmöckwitzer Brücke halten immer die Radfahrer und winken die Kinder, unsere Dampfboote pfeifen artig und winken zurück. Die „Seraphine" mit ihrer Schweizerfahne passt gut vor die schwindelerregenden bewaldeten Hänge des Grossen Müggelberges – das Gipfelkreuz befindet sich auf der beeindruckenden Höhe von 114,7 (!) Metern. Wir staunen, geniessen, und finden auch noch genügend Zeit für kulturelle Tage in und um Berlin. Der ortsansässige „Nepomuk" kommt ab und zu vorbei, Andreas und Gertrud S. sind eine willkommene Enzyklopädie von Berliner Wissen und Ausflugsvorschlägen.

 

Die Stadt Berlin selbst ist ja (mindestens) eine Tagesreise wert. Es ist übrigens nicht so, dass alle Damen Richtung Shopping-Strasse verschwinden und alle Herren Richtung „Technisches Museum", das ist ein unbewiesenes Klischee und höchstens teilweise die Wahrheit! Nicht wenige Dampfboot-Leute wurden auch in anderen Museen und/oder Schlössern und vor allem in den weitläufigen Pärken gesichtet, und bei der „Moschee", dem Dampfmaschinenhaus an der Havelbucht, wurde so mancher männliche UND weibliche Dämpfeler enttäuscht: die riesige, wunderschöne, reich mit Ornamenten verzierte Dampfmaschine (sie ist für all die Springbrunnen im Potsdamer Park zuständig) ist ausgerechnet gerade jetzt nicht zu besichtigen. Wie gemein! Ach ja: auch am Strand von Zeuthen wurde eine grössere Gruppe von erholungsbedürftigen, vor sich hin dösenden DDV- und VSD-Mitgliedern auf Liegestühlen in der Sonne gesichtet – später erkennbar an den leicht verbrannten Nasen…

 

Und auch dieses unvergessliche DDV-Treffen mit seinem einmaligen Wetterglück geht langsam zu Ende. Nach und nach reisen die Boote ab. Eine recht zahlreiche Gruppe von Herren in Sonnenhüten sammelt sich auf der „Pluto" und der „Erpel", man dampft los zu einer mehrtägigen Fahrt in Richtung Müritz / Mecklenburger Seenplatte. Die „Seraphine" wassert aus, die „Iris" verschwindet wieder, die „Prometheus" und dann die „Pauline"… Ganz am Schluss beim Auskranen fällt Alberto R. noch in den Hafen – irgendjemanden trifft es immer! – aber er arbeitet nach echter Piratenart bis zum Bauch im Wasser stehend weiter an der „Etna", bis eine Leiter für seinen Ausstieg beschafft werden kann. Das übriggebliebene Holz wird aufgeräumt, ich nehme mir als letztes Andenken ein besonders hübsches Scheit mit. Und ein vollgeschriebenes Notizbüchlein: Überschrift „Der Kessel – ein unerschöpfliches Thema in jeder Dampfboot-Runde". Lauter Ratschläge und Tipps rund um die verschiedenen Kesselarten und die Röhrchen, all die Materialien von Stahl über Kupfer bis CuNiFer, viele hilfreiche Adressen und Werkstätten vom Vierwaldstättersee über den Schwarzwald und Pegnitz bis zu Kevin Slater bei Bristol. Zu Hause werden wir dann die ganzen Notizen der Woche ordnen und uns entscheiden, wie es weiter geht mit unserer „Lady Makepeace". Aber eines ist sicher: Sie wird wieder dampfen, und beim nächsten Treffen sind wir wenn möglich mit dabei! Denn – um das aus dem Schweizer Heftli bekannte Zitat zu benutzen –

 

Diese Woche gelernt: Wer einmal diesen warmen Holz-Dampf-Schmieröl-Geruch geschnuppert hat, bleibt für immer Dampfschiff-Fan!

 

 

Abdampfen auf dem Bodensee, am Tag der deutschen Einheit, 03.10.2016 in und bei Konstanz            

ein internationales Gemeinschaftswerk von Hansjörg Forster und Kim Widmer                                

       

Der Obmann Süd hatte geladen, einige haben reagiert und sieben waren gekommen; die Rede ist vom Abdampfen auf dem Bodensee, von unserem Verein, wie es bei uns zugeht.

 

Bei uns geht es so zu, dass sich eine ganze Menge der Geladenen unter der  neuen Rheinbrücke bei Konstanz treffen und mit herzlichem Hallo und ein-zwei Gläsle Wein lautstark begrüssen. Die schwarzen Kohle-Rauch-Wolken der hier ansässigen, schon angeheizten „Patricia" mischen sich mit den weissen Überdruck-Dampfsäulen der vom Schluchsee her getrailerten „Heron" und den sich auflösenden grauen Nebelschwaden des herbstlichen Bodensees. Unsere sonst meist überall auftauchende Schweizer-Obersee-Phalanx (bestehend aus „Copine", „Seraphine", „Heureka" und unserer „Lady Makepeace") ist diesmal aus verschiedensten Gründen ganz und gar ohne Dampfboot dabei (den Kesselschaden der „Lady M." erwähne ich jetzt extra NICHT, mein sommerlanges Geheule ist wahrscheinlich unterdessen bis in die allerletzten Dampfböötler-Ohren gedrungen…), und auch Wolfgang Hacker kam auf dem Landweg, seine hübsche „Asphodele" macht gerade Mucken (Steuerschaden.  „mein … hat ja auch immer was, die … haben immer irgendwas, immer haben sie irgendwas!" Loriot muss bei diesem Zitat an Dampfboote gedacht haben!) Aber auch wir Bootlosen finden ein Plätzchen für die Überfahrt zum Konzil, und sogar Klaus Müller, der mit dem Roller im letzten Moment heranbraust - direkt aus dem Urlaub in Bayern - kriegt noch ein Glas Wein und darf aufspringen. Wir dampfen gemütlich los, die Sonne bricht durch den Nebel, und aus allen Himmelsrichtungen versammelt sich unsere Armada im touristen-gefüllten Hafen von Konstanz. „Joseph Conrad, The heart of darkness", der abenteuerliche Heckrad-Dampfer, und der elegante, schmale Salondampfer „Aladin" (beide aus der Schweiz) sind schon da, während sich die „Münchhausen" noch auf ihrer Reise vom fernen Bodman her befindet.

 

Die Wetterprognose war nicht sehr freundlich; wir waren trotzdem unterwegs, und das war gut so: von Bodman aus, mit der MÜNCHHAUSEN. Die Sonne war zunächst zögerlich, doch mit der Zeit fasste sie Mut, verteilte ungleichmässig starkes Licht auf halbe Dörfer, auf Baum- und Häusergruppen, liess deren Umgebung weniger klar erscheinen; Heimatkunde einmal anders. Bis Höhe Überlingen waren wir in bester Gesellschaft, wir waren allein. Grossräumige Stille umgab uns, zumal es Norbert gelungen war, seine Maschine diskreter laufen zu lassen.

 

Unsere Gespräche handelten von Technik und Natur und ein bisschen Geschichte, wovon denn sonst?

 

Nach und nach kamen immer mehr Boote in Sicht, der Überlinger See ist halt doch eine Ferienregion; die Birnau strahlte im Morgenlicht; wir sahen die Pfahlbauten, die Mainau, überquerten die Fährlinie und schwenkten am Konstanzer Hörnle in den gleichnamigen Trichter. Da wir, gemessen an der Einladung, reichlich spät waren, versäumten wir den Apéro und die dazugehörigen Freundlichkeiten und stellten uns gemächlich im Gundele-Hafen ein, den der Obmann freundlicherweise für uns reservieren konnte.

 

Dort versammelten sich PATRICIA, ALADIN, JOSEPH CONRAD, HERON, BUTTERFLY sowie GUSTAV PRYM, also eine respektable Gruppe; das Publikum war absolut beeindruckt, wie es sich gehört direkt vor dem Konzilsgebäude am Konstanzer Hafen, in Sichtweite der Statue der Imperia, die an eine historisch Gestalt erinnern soll.

 

Während wir im Zentrum der Aufmerksamkeit anlegen, taucht auch die Jubilarin „Gustav Prym" auf. Sie kennt sich schon aus, vor wenigen Wochen hatte ja ihre 100-Jahr-Feier ebenfalls hier im Konzil stattgefunden. Auch die letzten Nachzügler treffen ein:

 

BUTTERFLY und MÜNCHHAUSEN waren biologisch- dynamisch in der Beweglichkeit eingeschränkt gewesen; Grund dafür waren die Algen, die sich um die Schiffsschrauben gewickelt und dadurch gebremst hatten. Sie wurden entfernt, kostbares, vitaminreiches Grünzeug, evtl. als Gemüse zu verwenden, irgendwie schade.

 

Wichtig wurde unsere gemeinsame Wanderung zu Gastronomie auf der Konzils-Terrasse, wo der Obmann anscheinend bekannt ist und folglich genügend Plätze für uns reservieren konnte, nämlich für die Besatzungen der genannten sieben Boote und eine ganze Reihe Dampf- Boot- Fussgänger, im Prinzip Dampfboot- Fahrer, die aber im Laufe eines ungünstigen Geschicks und sonstiger Schicksalsschläge einfach so da waren.

 

Auch wir vom Bodensee sehen uns nicht allzu häufig und freuen uns darum immer über ein Treffen. Es folgt ein stundenlanges, fröhliches Gelage und Gelächter und Geschnatter, Fachsimpeln und Hin- und Herlaufen. Immer wieder mischen sich auch wissbegierige Fremde mit mehr oder minder intelligenten, oft schon bekannten Frage unter uns („womit heizt ihr denn?" – „könnt ihr damit auch Schnaps brennen?" – wir in Wasserburg haben auch ein Dampfboot!" – stimmt genau, das wäre dann die „Felicitas")

 

Hansjörg Forster wird von einer stimmgewaltigen Dame angesprochen, sie seien mal in der gleichen Gesangsgruppe gewesen. Mein Co-Autor hat davon so gar keine Ahnung mehr und schwätzt sich ‚raus: durch seine damalige Stellung im Chor könne er sich halt nur noch an ihren Hinterkopf erinnern… Andreas Ellegast unterhält sich sowieso mit allen und jedem. Er ist in Konstanz – aus welchen Gründen auch immer… - bekannt wie ein bunter Hund. Und ich treffe wieder mal den charmanten Immo, seit ein paar Jahren Freizeit-Steuermann der „Gustav Prym". Wir hatten uns anlässlich der SWR-Filmaufnahmen 2015 im Überlingersee kennengelernt. (Apropos: wirklich tolle MDR-Reportage, liebe „Prometheus"!) Jetzt machen Immo und ich gleich fürs nächste Jahr wieder ein Rendez-vous ab: 22.07.2017, 10:00, unter Dampf, vor Allensbach. Wäre doch lustig, wenn es klappt! Joseph Schuck ist auch extra angereist und hat gerade eine seiner launigen ad-hoc-Reden beendet, da erklingt ein lauter Ruf über den Hafen: „hoi, Dampfböötler, oien Waidling haut ab!" Übersetzung für diejenigen, welche unserer alemannischen Dialekte nicht mächtig sind: „euer flacher, ursprünglich für Lastentransporte im Uferbereich gebrauchter hölzerner Nachen hat sich aus seiner Vertäuung gelöst und ist gerade eben dabei, sich in den unendlichen Weiten des Bodensees zu verlieren!" Und tatsächlich: „Joseph Conrad" dümpelt schon zu Füssen der Imperia und strebt Richtung Hafenausfahrt. Vier Touristen im winzigen gemieteten rotweissen Plastikboot klammern sich am Heckrad fest und versuchen ihn aufzuhalten, vorne übt sich die Mannschaft des Passagierschiffes „Seemöwe" im Lasso werfen, um den Ausreisser einzufangen. Christian wird freundlicherweise übergesetzt, und mit vereinten Kräften wird die gezähmte Widerspenstige wieder an den ursprünglichen Platz zurück bugsiert. Wir sehen unseren originellen Kollegen leider viel zu selten, dabei hat er echt einen hohen Unterhaltungswert! Wer erinnert sich nicht gern ans 30-jährige in  Bodman, als wir ihn kurz vor seinem Versinken in den Unter(see)grund gerade noch abfangen konnten… Nach diesem netten Intermezzo wird wieder angeheizt. Vom Obmann Süd kommt die Anweisung, dass jetzt noch ordentlich im Konvoi an Gottlieben vorbei gedampft wird, dann noch eine Schleife… Alle nicken, danach passiert das, was in einer Gruppe von Dampfbooten unweigerlich passiert: einige haben schon zu viel Druck und dampfen schon mal los – andere müssen erst noch feuern und kommen dann nach – wieder andere führen beim schwierigen Ablegemanöver im kleinen Gondelhafen einen komplizierten Seiltanz auf und müssen sich wieder entknoten – einer biegt zielstrebig nach rechts ab, wo Gottlieben NICHT liegt – einer hat Gäste und muss noch woanders hin… Ach ja, so ein Dampfbootkorso ist wie die Quadratur des Kreises! Aber wir sehen uns Gottlieben an: das Wasserschloss der Operettensängerin Lisa della Casa, die wunderschönen Riegelhäuser, die Udo-Jürgens-Gedächtnis-Platane, die winkenden Gäste auf den Seeterrassen.

 

Die „Butterfly" rauscht pfeilschnell heran und überholt uns schnurgerade und winkend und pfeifend auf ihrem Heimweg in den Gnadensee, die „Münchhausen" hat schon nach der Rheinbrücke abgedreht und nimmt den anderen Seezipfel Richtung Bodman, der Heckrad-Waidling plätschert fauchend den Wiffen entlang zurück nach Schaffhausen. Der Rest der Gesellschaft schippert zurück zur Rheinbrücke, wo die „Patricia" zufrieden ihren letzten Dampf ausstösst und sich dann in ihrem Platz wieder einkuschelt. Man bedankt sich aufrichtig bei Andreas und Gabi für einen ganz tollen Tag und verstreut sich dann in alle Windrichtungen: Klaus nimmt Grüsse an Elsa mit, Kamil trailert mit Margrit zurück in den Schwarzwald, Joan erwischt den Katamaran Richtung Friedrichshafen, und wir anderen verabschieden uns noch einmal herzlich und verteilen uns auf diverse Busse und Eisenbahnen, um zurück in unsere (Pfarr-, im Falle von Bernhard und Renate) Häuser und sonstigen Domizile zu gelangen. Und jetzt werden wir alle in den Dampfboot-Winterschlaf versinken. In den Nasen haben wir noch ein paar Stunden den Rauch, den Dampf und den warmen Ölgeruch, der unser Hobby so einmalig macht: Wunderschön war’s wieder!

 

 

Drei-Königs-Treffen 6. Januar 2017, in Bodman

Wie alle Jahre wieder bin ich mittendrin und kaue zufrieden an einem Kuchenstück. Im fröhlichen Getümmel gleich bei den alten Grammophonen treffe ich auf Ernst Biemer von der «Brunel» Vertraulich säuselt er mir ins Ohr: «ich die Fotos, du den Text, mmhmmm???» - «aber ich hab’ doch schon im letzten Jahr!?!?...» - « mmmhhhmmm, also abgemacht, ich mache dann jetzt die Fotos!» und (triumphierend?) lächelnd wird er wieder von der Menge verschluckt…

 

Eine heikle Angelegenheit, dieser Auftrag. Denn es ist ganz ungünstig, wenn ich einen der zahlreich anwesenden Dampfböötler vergesse zu erwähnen, weil genau DER dann auf einem von Ernsts «Wimmelbildern» auftaucht. Schwierige Sache. Aber ich versuche es. Im Notfall kann ich es ja als Wettbewerb ‘rüberbringen, im Stil von «wer findet den Dämpfeler, den Kim übersehen hat?»

 

Also tauche ich in Gedanken noch einmal ein in die warme, mit Kaffeeduft durchzogene und mit einem immensen Sammelsurium vollgestellte Halle. Im Eingangsbereich empfängt Hansjörg Forster die Gäste und zaubert mit seinen ausgefallenen Komplimenten den eintreffenden Damen ein Lächeln auf die Lippen. Ich blicke mich interessiert um. Wer ist wohl da? Der übliche harte Kern der Bodensee-Gruppe ist ziemlich zahlreich vertreten. Organisator Norbert von der «Münchhausen» ist überall und freut sich über jeden Gast, Angelika ist die unermüdliche Gastgeberin und Herrin über das gut gefüllte Buffet. Fritz von der «Butterfly» mäandert verschmitzt lächelnd durch die wogende Menge, während Bärbel, Christel und der übrige Damenflor sich wie ein gut geöltes Räderwerk in der Abwaschküche ablöst. Annegret und Peter von der «Seraphine» sitzen bei Sylvia und Hanspeter von der «Copine». Hanspeter ist etwas bleich und schweigsam, er ist von der momentan grassierenden Magengrippe gestreift worden. Immerhin, er ist da und knabbert an einer selbstgemachten Torte, Den DDV-Präsidenten Joseph Schuck hat es schlimmer erwischt: er musste im allerletzten Moment absagen, weil die Krankheit ihn ins Bett geworfen hat. Diese hochrangige Lücke wurde glücklicherweise vom VSD-Präsidenten Michael Neuer (DS «Hansdampf») gefüllt, den der treue und allseits bekannte «Penelope»-Kapitän Koni mitgebracht hat – zusammen mit seiner von Grund auf selbst gebauten, einwandfrei funktionierenden und viel bewunderten Dampf-Vakuum-Pumpe. Sogar die eigentlich eher auf Dampfkessel spezialisierten Herren Achenbach und Charly Ball sind beeindruckt. Klaus Hochsee-Müller hat seine liebenswert leutselige Elsa und Pilatus-René dabei – der hat kein eigenes Dampfboot, arbeitet aber bei den Pilatus-Werken und manchmal als Matrose auf der «Orca» mit. Andreas von der «Patrizia» ist leider ohne Gabi, dafür mit einen billardspielenden Enkel da – in dieser kurzweiligen Halle finden eben auch die Kleinsten etwas Interessantes zu sehen oder zu tun!

 

Und da kommt ja auch unser Neuzugang: der lange schlaksige, sehr nette Thomas von der wenigstens ab und zu am Bodensee weilenden «Tide». Ich unterhalte mich angeregt mit Felicitas, wir fachsimpeln über alte Arztköfferchen. Sie hat eines dabei, ich habe eines zu Hause, Gastgeber Norbert hat auch ein paar in allen Grössen in seiner Museumshalle aufgestellt. Aber als echter Sammler gibt er sie natürlich nicht mehr her, sondern erfreut sich an ihnen und wahrscheinlich auch insgeheim an unseren neid- und sehnsuchtsvollen Blicken… Nun ja, so weiss ich wenigstens, dass meine mitgebrachte Schweizer Militärdecke in gute und sorgfältige Hände kommt! Diese Nachricht wird den nicht anwesenden Innerschweizer Chräsi vom «Waldstätter» freuen: er hat mir diese Decke damals in Berlin für seinen guten Freund abgeschwatzt. Bernhard Rigling und Renate (Ex-«Luisa») und Joan Zimmermann (Ex-«Theansa») haben wir das letzte Mal beim Bodensee-Abdampfen gesehen, das ist auch schon wieder eine Weile her.

 

Apropos «Theansa», da sind ja auch Wolfgang und Resi! Wie schön, die beiden sehen ich immer ganz besonders gern. Zusammen mit den Schwarzwäldern Magrit und Kamil von der «Heron» werden sie gleich von mir als Unterstützungs-Gruppe angeheuert: sie planen, mit ihren Booten nach Lübeck zu fahren, und ich würde doch sooo gern unsere «Lady Makepeace» auch dorthin mitnehmen… Aber mein Herr Kapitän bleibt (bis jetzt jedenfalls) hart: zuerst wird der Kessel geflickt – der ist immer noch in England - dann wird zusammengebaut und getestet, und dann ist die Zeit zu knapp. Und dass Salzwasserflecken als «Patina» durchgehen oder als «Schönheitsflecken» laufen, lässt mein Messing-verliebter Gemahl schon gleich gar nicht gelten. Immer sorgfältig poliert und strahlend wie die Sonne, so muss es sein!

 

Zum Trost singt wieder der alljährliche a-capella-Chor (mit Klavier…) inniglich und inbrünstig von o sole mio, die bei Capri im Meer versinkt, dann solamente una vez (nur ein einziges Mal…) vom kleinen grünen Kaktus und vom spriessenden Spargel, um dann jubilierend bei Veronika und dem Lenz anzukommen, während immer noch gut durchfrorene Gäste ankommen und draussen im Schneegestöber der See langsam zufriert.

 

Die nur ein paar Häuser weiter heimische «Stephanie» ist gut im Schuss und funktionstüchtig, dafür sorgt Hans Götz, und Hans Götz ist gut im Schuss und funktionstüchtig, dafür sorgt Elfriede. Wann immer wir in Bodman dampfen, wird extra für die Beiden gepfiffen, und Elfriede winkt uns dann mit dem Geschirrtuch vom Balkon aus zu. Heribert und sein Heizer vom «Erpel» hatten einen weiteren Anfahrtsweg – seit mir Heri damals mit dem Persenning-Transport so liebenswert aus der Patsche geholfen hat, bin ich voll begeistert von ihm und freue mich immer, ihn wieder mal zu sehen.

 

Ich bin schon ganz erschöpft und lasse mich neben Johannes von der «Felicitas» nieder. Seinen Kollegen Oliver, der immer noch an seinem himmelblauen Dampferchen werkelt, kenne ich noch vom letzten Jahr, aber mit Johannes selbst habe ich noch nie gesprochen. Das holen wir jetzt ausgiebig nach – wir teilen uns Kaffee und Kuchen und sprechen über die Maginot-Linie (ICH weiss, was das ist, dank meinem Geschichtsinteresse und meiner Zeit beim Militär, nämlich!), über Stamm- und andere Bäume, über das Elsass usw usf. Sein schweigsamer Sohn – ein echt rothaariger Rothaariger – macht derweil viele Kilometer rund um die vielen Ausstellungsstücke herum und sieht ziemlich beeindruckt aus.

 

Und immer wieder blitzt das wachsame Kamera-Auge von Ernst auf, er knipst Foto um Foto, und ganz bestimmt hat er irgendeine ganz wichtige Person aus der Dampfbootgesellschaft drauf, die ich verpasst habe, ich weiss es genau! Diese Person soll sich bitte bei mir melden, und beim nächsten Drei-Königstreffen in Bodman, am 06. Januar 2018, werde ich ihr höchstpersönlich eine Gulaschsuppe spendieren, versprochen!

 

 

Aus dem Logbuch der «Lady Makepeace»

Unser Kessel ist wieder geflickt! Die «Lady Makepeace» verbrachte ja bekanntlich die letzte Saison zu unserem Leidwesen nicht im Wasser, sondern in der Werft. Wenige Tage vor dem letzten DDV-Treffen in Berlin hatte das erste unserer 25-jährigen Rauchrohre schlappgemacht – aus die Maus. René der (Jung-) Rentner tröstete sich den Sommer über mit dem Kohledampfer «Boroysund» und begleitete ihn wochenlang auf seiner Jubiläumstour der norwegischen Küste entlang bis zur Inselgruppe der Lofoten weit über dem Polarkreis. Ich blieb arbeitend zurück und kommunizierte in Sachen Kesselreparatur herum. Schlussendlich geriet ich durch die aktive Mithilfe der «Steam Boat Association of Great Britain» an den Nachfolger unseres ursprünglichen Boiler-Konstrukteurs – Kevin Slaters «Manor Farm Engineering» bei Bristol. Kevin sagt: yes, das könne er schon machen, no problem. Yes, mit allen nötigen Prüfungen, no problem. Sure, wir können die Rohre, den Kessel oder das ganze Boot schicken oder vorbeibringen, no problem. Heini hört durch René etwas läuten von meinem Fund, und ist sehr interessiert. Die «Anastasia», unser Schwesternschiff, hatte auch vor einiger Zeit einen Kesselschaden und lag seitdem auf dem Trockenen. Heini ist von der schnellen Truppe: während ich noch mit René hoch oben im Norden verhandle, ist der Kessel der «Anastasia» schon in England bei Kevin, repariert zurück in der Schweiz, von Heini wieder eingebaut, und funktioniert einwandfrei (sogar im Packeis des Zürichsees während der Wintersaison). Na, dann klappt das sicher auch bei uns! René kontäklet im Herbst nach seiner Rückkehr mit Heini: zusammen mit dessen Ratschlägen und Spezialwerkzeugen baut er den Kessel aus. Natürlich verschicken wir nicht «nur» den nackten Kessel wie der Fachmann Heini: wir verladen das ganze Ding samt Ummantelung und Zubehör und allem Drum und Dran vollständig ins SBB-Palett. Kevin kann das Ganze in seine vielen Einzelteile zerlegen, Kevin ist der Fachmann, und Kevin soll das alles wieder zusammenbauen. Kevin sagt: no problem, er schreibe einfach eine «small fee» auf die Rechnung. Weil es grad so gut läuft, wird das Dach von René neu gemalt, das Chämirohr mitternachtsblau metallisée gespritzt, die Persenning aufgebrezelt und der kupferne Kaminschutz ausgeweitet (unsere neue Dampfpfeife ist grösser und braucht mehr Platz)

 

Und dann kommt endlich der Kessel zurück. Da steht er also glänzend neben dem Boot, flankiert von Stefan Z. mit dem Gabelstapler und René mit einem Engländer in der einen und einer Menge gebogener Kupferröhrchen mit verschiedenstem Durchmesser in der anderen Hand. Nach einigen sorgenvollen Gedanken (schliesslich sehen ihm ein handwerklich sehr versierter Vater UND Schwiegervater und wahrscheinlich auch Horst Schiel von ihrem Wölkli im Himmel aus über die Schulter) und einem letzten Blick auf seine «Hebammenfinger» (Zitat Elsa vom «Orca») beginnt er zu schrauben. Und: es klappt! Alles ist zusammengehängt, das System ist funktionstüchtig – nur ein einziges letztes nirgends passendes Röhrchen bleibt übrig… Ich lache mich kaputt, es ist wirklich wie in einem Witz! Zum Glück existieren jede Menge Fotos von unserem Dampfboot, und auf nicht wenigen ist auch der Kessel gut erkennbar. Wir sichten die Dokumente und werden tatsächlich fündig! Auch das letzte Rohr findet seinen Platz (für die Interessierten: es war dasjenige welches unten vom Wasserglas wegführt. Kevin hatte das Loch provisorisch verschlossen, darum!) Auf jeden Fall ist jetzt alles wieder an seinem – hoffentlich – richtigen Platz, die neue Dampfpfeife, das Chämirohr und das Dächli sind montiert – wir sind parat für die erste Probefahrt und sehr gespannt!

 

Heute gelernt: Jedes einzelne Röhrchen findet seinen Platz – man muss nur konzentriert danach suchen!

 

 

Mittwoch, 10. Mai                                                                                         Ich kann früher von der Arbeit weg, René hat schon angeheizt, ich bringe Käse, Crackers und Äpfel mit – ein strahlend schöner Tag. Mit einem eleganten Schwung tuckern wir aus dem Hafen. Die Handbewegungen sitzen, auch nach einem Jahr erzwungener Pause sind wir immer noch ein eingespieltes Team. Wir sind beinahe allein auf dem See. René sortiert seine Kohlenbröckli, Anführhölzli, restlichen Chlötzli und Holzschiiter. Ich reguliere den Hotwell-Wasserstand und putze (für den Anfang wieder genau nach Checkliste) das Wasserglas durch. Der Kessel ist dicht und heizt, die Stuart 6 A stämpfelet einwandfrei. Draussen auf dem See wird die neue Pfeife vorgewärmt – sie braucht ein bisschen Pflege, bis ein schöner Ton herauskommt, aber das wird schon. Wir tuckern Richtung Güttingen, wo Hansueli auf seiner «Heureka» am «mechen» ist. Die frischgrünen Ufer ziehen vorbei, am Horizont der noch tief verschneite Alpstein mit dem super sichtbaren Säntis. Wir sitzen gemütlich mitten auf dem See, picknicken in der schön warmen Maisonne, dampferlen zufrieden und schweigsam vor uns hin. Dann urplötzlich ein Aufschrei, Action und eine Kehrwendung auf dem Punkt: der Kapitän hat etwas entdeckt: «än Frosch, än Frosch!» Kann ja nicht sein, wir sind sicher 500m vom Ufer entfernt! Aber tatsächlich, ein Köpfchen, und in strammem Brustschwumm hält ein Viechlein schnurstracks auf Deutschland zu. Die Seerettungsaktion wird eingeleitet, alle sind konzentriert auf ihrem Posten. René fährt punktgenau auf sein Ziel zu, ich hänge mit dem Schöpfer prekär über der Bordwand – näher – näher – es ist eine winzig kleine Fledermaus! Sie schwimmt noch ziemlich kräftig, wahrscheinlich verleiht die Angst unserem «Frosch» Flügel… Ich hab’ sie! Unter meinem Pagodenschirm im Schatten trocknet sie ihren Pelz. Ohren, Zähnchen, die Flügelspannweite knapp 20 cm. Die Fledermaus-Meldestelle identifiziert sie später nach unseren Fotos als Zwergfledermaus pipistrellus pipistrellus. Unsere gastfreundlich angebotenen Apfel- und Käsebröckchen verschmäht sie, aber sie kuschelt sich in meinen Kaschmir-Schal und verschläft den Rest der Fahrt gemütlich in einem unseren Holzbunker. Vor lauter Aufregung ist das Feuer ziemlich heruntergebrannt. Wasserkontrolle. Öl nachfüllen. Der Kessel mit seinen brandneuen 120 Rauchröhrchen heizt vor sich hin und glänzt in der Sonne. Weil es gerade so gut passt, wird das Überdruck-Ventil auch noch getestet. 10 Bar, 10 ¼ Bar, 10 ½ Bar – zisch fauch, auch das funktioniert so etwas von einwandfrei. Unsere «Lady M.» ist einfach ein wundervolles Boot – und mein Kapitän natürlich auch! Von hinten nähert sich das Kursschiff MS Thurgau. Unser Kollege Stefan H. vom MS Schwan (Zugersee) hatte am Sonntag seine Geburtstagsfeier auf der MS Thurgau. Wir hätten ihm gern zugepfiffen, aber es war zu nass und zu windig. Also pfeifen wir eben heute stellvertretend und schicken ihm eine sms. Und bekommen sofort eine zurück: er ist auch heute auf dem Schiff! Genau heute hat nämlich die MS Thurgau ihren 85sten Geburtstag – man hat uns gesehen und gehört und sich über den Gruss gefreut… Unglaublich, wir haben echt einen guten Lauf!

 

Während das Dampfboot vielbeachtet im Hafen Altnau abkühlt, bringen wir die Fledermaus ins nächste Gehölz, wo sie in der Spalte eine Steinmauer verschwindet. René muss noch dies und das, ich fahre schon mal nach Hause. Im Radio läuft die Hippie-Hymne «The Age of Aquarius» aus den 70gern, und ich singe lauthals mit: «das wird das Joor vo dä Fläädermuus – dä Flääädermuus – dä Fläää-dääär-muuus…» Die Saison hat begonnen!

 

Heute gelernt: Fledermäuse können schwimmen!

 

 

DDV-Treffen 2017 in Lübeck                                                              Sonntag, 21. Mai -Sonntag, 28. Mai

Endlich Ferien, auf nach Norddeutschland zur DDV-Versammlung! Da diese alte Hansestadt von der Schweiz aus wirklich ziemlich weit entfernt ist - und auch dank René's Brackwasserphobie - kommen wir eben leider ohne Boot. Weil wir aber doch standesgemäss ankommen wollen, stellen wir meinen rosaroten Smart ab und besteigen in Mölln das Dampfschiff "Mathilda" vom Museumshafen Övelgönne in Hamburg. Sie hat einen dreitägigen Törn auf sich genommen, um ebenfalls beim Dampfboot-Treffen dabei zu sein. Die fünf Schleusen des Elbe-Lübeck-Kanals befahren wir in Gesellschaft eines mittelgrossen Frachters, der sich grosse Mühe gibt, das "nur" 12 Meter lange, kohlebefeuerte, weisse Salondampferchen schonend zu behandeln und nicht zu sehr durchzuschütteln, wenn sich die Tore öffnen. Wir bedanken uns auch artig mit pfeifen, wie es sich gehört. Irgendwann kommen wir dann im Lachswehr-Hafen an, und ich falle vor lauter Rufen und Winken beinahe ins Wasser: so viele sind schon da! Ich sehe vor allem weiss: Die "Theansa" mit ihrer fröhlichen Dampf-Sirene und dem schlafenden Wolfgang, die "Mijn Deern", die schmucke kleine "Pauline", die noch zugedeckte "Prometheus", der quadratisch-praktisch-gute Hausdampfer "Nepomuk". Nach einigen abenteuerlichen Manövern im engen Hafen legen wir an, und endlich können wir unsere Freunde ordentlich begrüssen. Alfred werkelt schon wieder auf seiner "Beryl of Avon". Und die hier beheimatete "Tian" mit Gerd und Christel ist jetzt ganz fertig zusammengebaut, wir sehen sie das erste Mal im Wasser. Leider bleibt sie meistens, wo sie ist: so ganz hat sie ihre Mucken noch nicht abgelegt. Diesmal sind es Steuerungsprobleme... Die "Heron" und die "Sunrise" sind schon irgendwo unterwegs. Und am Rand noch die grüne "Tide" mit den Carles. Ach, ist das schön, (fast) alle wieder zu sehen!

 

So zur generellen Orientierung machen wir die Stadtführung mit. Lübeck hat eine tropfenförmige, von Flüsschen umrahmte, UNESCO-ausgezeichnete Altstadt, (mindestens) 7 Türme, Backsteinbauten, das Holstentor, jede Menge Strassencafés und eine nette, aber nicht sehr stimmgewaltige ortskundige Dame, die uns vieles zeigt. Besonders hübsch sind die blumengefüllten Hinterhof-Sackgassen, heutzutage meist als Ferienappartements genutzt. Weniger hübsch, weil ungleich stinkiger, waren diese halt im Mittelalter. Vom Turm der Petrikirche aus hat man einen tollen Rundblick, auch auf die kleinen Dampfboote, die die Stadt unermüdlich umkreisen. Wegen der niedrigen Brücken schaffen das nicht alle, aber z.B. die niedliche «Pauline», die niedrige schnittige «Mijn Deern» mit ihrem klassisch weissbärtigen Kapitän Alberrrto Rrrrodrrriguezzz und die kühle, glatte, blonde, elegante «Sunrise» schlüpfen problemlos unten durch. Die «Heron» vom Schluchsee im Schwarzwald hatte den weitesten Anfahrtsweg und schlägt sich gleich am ersten Tag eine Beule in den Schornstein, weil sie kurz an einer der Brücken hängen bleibt. Danach bleibt sie «draussen» und macht dafür die Fahrt nach Travemünde mit – mit uns als Gästen.

 

Nicht alle wagen die weite Fahrt an die Ostsee. Die "Kleinen" bleiben lieber in der Nähe der schützenden Stadt. Besonders, weil der Wetterbericht - trotz bis jetzt strahlendem Sonnenschein - einige heftige Regengüsse prophezeit. Schlussendlich dampfen nur die beiden Grossen, die "Tide" und die "Mathilda", die photogene "Beryl of Avon", die  "Nepomuk" - Andreas hat sich hier mit Gertrud verabredet - und wir mit der zuverlässigen "Heron" am Windjammer "Passat" vorbei und dampfen auch gleich noch eine Runde auf der Ostsee. Jetzt guckt René doch ein bisschen sehnsüchtig. DAS wäre schon ein ganz tolles Erlebnis mit unsere eigenen "Lady Makepeace" gewesen... Einige Vereinsmitglieder reisen mit der Bahn nach Travemünde, um die beeindruckende "Passat" genauer anzusehen. Besonders Elke und Ernst hätte es "ganz jämmerlich gejammert, wenn wir den Jammer verpasst hätten". Bekannt sind noch fünf dieser insgesamt 66 "Flying-P-Liner". (Der Spitzname der Reedersgattin - wegen ihrer wilden Lockenhaare "Pudel" genannt - war der Grund dafür, dass alle Namen mit "P" begannen) Eben die "Passat" mit einer sehenswerten Museums-Ausstellung in Travemünde, die "Pommern" in Mariehamn / Åland, die "Peking", sie soll nächstens von New York nach Hamburg überführt werden, die russische Ex-"Padua", jetzt "Krusenstern", und das sehr berührende zerborstene Rettungsboot der gesunkenen "Pamir" in der Lübecker St.Jakobi-Kirche. Eigentlich haben auch wir in unserer Dampfboot-Flotte einen eleganten, schnellen, wunderschönen "P(auline) - Liner" - obwohl ich die wild gelockte Kapitänsgattin Anke natürlich niemals als "Pudel" bezeichnen würde!

 

In Travemünde werden die Schiffe festgemacht, nur die "Heron" kehrt gleich wieder um, sie möchte die bevorstehenden Regengüsse lieber im Heimathafen aushalten. Kamils Berechnung geht nicht ganz auf: im Lübecker Frachthafen trifft uns das erste Unwetter, wir sind trotz Regenschutz alle zusammen nass bis auf die Unterhosen. Dann wieder heisse Sonne, nicht nur das stämmige, hochbordige Dampfboot mit seiner zuverlässigen Stuart-6-A-Maschine dampft, sondern auch die vor sich hin trocknenden Passagiere. Und dann kommt noch mal ein Wolkenbruch. Wir retten uns gerade noch so unter die "Puppenbrücke" gleich beim Holstentor und warten in ihrem Schutz das Ende der Wasserflut ab, man sieht rechts und links nur noch einen undurchdringlichen Regenvorhang.

 

In Travemünde steht Alfred auf der falschen Seite der Bucht, als die Wassermassen kommen. Und seine gepflegte, perfekte "Beryl" ist noch nicht unter der Persenning, sie hat nicht mal ein Dach, alles ist ungeschützt und offen, oh je! Als er rundherum gesaust ist und endlich im Hafen anlangt, erwartet ihn eine Überraschung: sein Boot wurde fachmännisch zugedeckt, inklusive Schornstein-Deckel, und liegt friedlich dümpelnd neben der "Tide". Er ist wirklich gerührt, das seien echt tolle Kameraden, der Thomas und der Christian! Nicht nur er ist von unseren neuen Freunden aus Giengen an der Brenz beeindruckt. Immer wieder wird neben dem 12 Meter langen Salondampfboot «Tide» auch der riesige Lastwagen bewundert, der das Schiff als Schwertransport kreuz und quer durch Deutschland transportiert – und der nach einem geschickten Umbau auch gleich noch als Wohnmobil für die vielköpfige Familie dient. Wieder mal fragt ein Zuschauer bewundernd: «Hat das wirklich alles Ihr Mann konstruiert? Kann der das denn?» Und Felicitas richtet sich zu voller Grösse auf und verkündet stolz: «Mein Mann kann ALLES!» In diesem Moment kommt hinter ihrem Rücken Bewegung auf. Piratenkäptn Leo Löwenmähne jubelt begeistert: «Yippie, wir sinken!», die drei Mädchen haben schon eine lange Reihe gebildet und schöpfen eifrig das zentimeterhoch stehende Wasser aus dem Boot, und besagter Ehemann pappt «die Wunderpaste» auf das Leck, das er gerade eben in die Stahlwand des Dampfschiffes geschlagen hat… JA, das Loch befindet sich unter der Wasserlinie, NEIN, er wollte kein Bild aufhängen, es ging um eine «Installation», und JA, es war ganz einfach, die Stahlwand zu durchlöchern, seine Werkzeuge flutschten nur so durch! Und jetzt reden wir von "der Wunderpaste"... Die hat den sinnigen Namen «Leak Hero» (erhältlich z.B. bei Toplicht), laut Aufschrift stoppt sie Wassereinbruch innert Sekunden, ist auch unter Wasser einsetzbar, ist jederzeit einsatzbereit auf allen Materialien, und «die Anwendung ist auch in Stresssituationen extrem einfach, es sind keinerlei Vorkenntnisse erforderlich». Thomas kann das bestätigen. Thomas weiss das. Und ein Euro des Verkaufserlöses wird der «Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger» gespendet. So!

 

Die nach dem einmaligen Regen sehr sonnigen und heissen Tage vergehen wie im Flug. Die Boote drehen ihre Runden und machen kleinere und grössere Ausfahrten, meistens mit ein paar bootlosen Gästen. Es wird gefachsimpelt und erzählt, im Hintergrund plätschert das grüne Wasser, die blühenden Kastanien lassen ihre Blüten hinabschweben, man geniesst das Leben. Es raschelt jeweils in den Taschen und Marias Käsekräcker oder süsse Öhrchen werden geknabbert und lassen die Kasse des DDV sanft erklingen. Hubert führt uns raffinierte Knoten vor - gelernt ist gelernt, Manfred Achenbach erzählt von seinen beiden Jahren als Heizer / Schmierer auf dem edlen Peil- und Bereisungsdampfschiff "Schaarhörn", und ich lerne endlich, dass die zurückhaltende "Sunrise" gar nicht aus dem Norden Deutschlands kommt, wie ich immer dachte. Abends sitzt man noch gemütlich zusammen beim Italiener, unter Sonnenschirmen an der Trave, in der Eisdiele, beim Marzipan-Niederegger oder in der wunderschönen, dunklen, holzverkleideten "Schiffergesellschaft" mit den Plankentischen, den von der Decke hängenden Schiffsmodellen und den Geistern all der Lübecker Kapitäne, die die sieben Weltmeere befahren haben.

 

Die "Blitz" mit Peter, Julian und den Damen kommt auch noch und wassert ein, gerade rechtzeitig für das grosse Ereignis: das Dampfboot-Rennen! Dieses wird vor allem von den Herren in ihren fauchenden, rauchenden Booten bestritten, wir Damen verfolgen das Spektakel vom Ufer aus und schreien uns die Kehle wund. «Tidäää, Tidäää!» - «Gut gewendet, Promi!» - «HoppBlitz HoppBlitz» Es ist ein wirklich schönes Rennen, die meisten Boote reihen sich ein und ziehen wie in einem besonders hübschen Karussell ihre Kreise. Die renn-unerfahrene «Mathilda» kriegt die erste Kurve nicht und rangiert zurück-vorwärts-zurück-vorwärts, die «Theansa» - Wolfgang wird von Helmut unterstützt - liefert sich sehr zur Freude der Touristen ein privates Bordwand-an-Bordwand-Rennen mit einem vorbeirauschenden Passagierschiff. Die «Beryl of Avon" kommt zu spät an den Start, weil Alfred im Hafen gerade eben noch in die Trave gefallen ist – Einen trifft es immer! Er holt Zeit auf, indem er die Wendeboje einfach links liegen lässt… Die «Prometheus» schlängelt sich geschickt durch und kreist in einem eigenen Orbit – sie hätte auch den mysteriösen Wanderpokal erhalten, so er denn vorhanden gewesen wäre. Die meisten Kapitäne sind ziemlich abgeklärt und schonen ihr Boot, aber auch diesmal machen Gerüchte von rauchenden Kesseln und brennenden Schornsteinen die Runde…

 

Die Trave-Trophy erhalten dann alle Teilnehmer, die Reihenfolge wird dieses Jahr ausgelost. Beim Aufruf «Mathilda» trippelt eine entzückte kleine Mathilda nach vorne und ist erfreut und etwas verwirrt, dass auch sie so ein glänzendes Ding erhalten soll. Sie wird kurz vertröstet: die Dampfpinasse hat Vortritt. Dafür darf die Kleine dann die Trophäe für ihr Hackenbruch-Familiendampfboot «Prometheus» abholen. Ist ihr auch recht. Die Trave-Trophy hat übrigens gleich zweimal das Jahr, "2017", eingraviert. Weil die Jahreszahl im letzten Jahr 2016 ganz und gar vergessen gegangen ist. Gerechtigkeit muss sein.

 

Bestens gelaunt geht man über zur erstmals stattfindenden Versteigerung. Es wurden verschiedene Gerätschaften gestiftet, z.B. von Norbert oder Chräsi, der auch als stimmgewaltiger Auktionator fungiert. Der Erlös soll in die Vereinskasse des DDV fliessen. Am Anfang läuft die Versteigerung etwas zäh, also bringe ich etwas Dampf ins Geschehen und rufe im Vorübergehen eine Zahl für eine schöne Ölkanne aus Messing in die Runde. Mit dem Resultat, das ich sie zugeschlagen bekomme. Jetzt stehe ich da mit meiner Ölkanne und arrangiere in Gedanken schon ein paar Margeriten darin. An meiner einen Seite murmelt René herum, was ich denn jetzt schon wieder «gechrömelet» (kommt von Kramladen) habe, und überhaupt wäre die Kanne viel zu gross für unser kleines Schiff – auf der anderen Seite kommt Alfred angerannt, der die Kanne gerne gehabt hätte, aber zu deren Versteigerung zu spät kam. Wir werden schnell handelseinig: Alfred und die Kanne ziehen glücklich ab. Bezahlen kann er erst später, sein Geld trocknet noch zusammen mit seinen Kleidern an der Leine beim Wohnmobil. Unterdessen geht die Auktion munter weiter. Felicitas und Thomas überbieten sich zur Freude des Auktionators gegenseitig und erstehen verschiedene Kleinigkeiten wie Schäufelchen und Ölstützchen. Ein hochgewachsener Herr neben mir ersteigert zum Schrecken seiner Frau eine handliche Speisungspumpe. Ich werfe tröstend ein, dass so ein Gerät ja nun wirklich in keinem Haushalt fehlen sollte. Worauf sie mir händeringend von der vollgestopften Werkstatt ihres Gatten erzählt und dabei beinahe verpasst, dass er munter beim rechteckigen Wärmeaustauschdings mitbietet. Sie kann ihn kurz vor der Ziellinie noch abfangen und bugsiert ihn in den Hintergrund. Die Versteigerung ist ein voller Erfolg und bringt schlussendlich über 400 Euro in die Vereinskasse!

 

Zur Jahres-Hauptversammlung tauchen alle geschniegelt und gebügelt und vor allem satt auf – das Hotel konnte leider kein Abendessen bieten, sagt es. Die Sitzung verläuft eigentlich reibungslos. Alle halten kurz den Atem an, als sich der Vorsitzende Josef Schuck etwas windet und meint, dass er sein Amt eigentlich an «einen etwas Jüngeren» abgeben möchte. Da sich so schnell kein merklich Jüngerer auftreiben lässt, stellt er sich zum Glück doch wieder seiner glorreichen Wiederwahl. Und der zweite Vorsitzende Ernst Biemer spendiert dem DDV ein neues Wort: «Bootdampfkesselüberwachungsnachweis» Es beinhaltet mindestens so viel Arbeit  wie Buchstaben, es bildet einen Schutzwall gegen Paragraphen und Normen, es fördert den Zusammenhalt zwischen den DDV-Mitgliedern ("alle für alle, jeder für jeden"), und wenn man es beim Scrabble geschickt einsetzt, kann man damit eine Punktzahl von mindestens 368 erreichen!

 

Viel zu schnell ist die Woche vergangen. Die ersten Boote wassern schon aus, wir sind am letzten Tag Gäste auf der "Nepomuk" und machen eine wunderschöne romantische Fahrt auf der Alten Trave - alles Natur und grün und viele Vögel und einige verwunschene Villen. Hier haben Gertrud und Andreas vor ein paar Tagen am Ufer den Bruder von Herrn Schildbach (DB "Triton") aus Berlin wieder getroffen, den sie vor Jahren auf einem Vulkan auf Java kennengelernt hatten. Sie haben dann zusammen einen Kaffee getrunken und über die manchmal schier unglaublichen Zufälle des Lebens sinniert... Bis nach Hamberge ist die Alte Trave schiffbar, dann muss man umkehren. René ist am Steuer und setzt die "Nepomuk" kunstgerecht und exakt mit der Nase in den Schlick. Er hat Andreas' Zuruf "reversieren!" nicht interpretieren können - er ist halt ein Deutschschweizer und hat im Französisch-Unterricht nicht so aufgepasst. "Hintertschi!" hätte er sofort verstanden... Wir wackeln alle mit dem Hinterteil (des Schiffes, natürlich! Was denn sonst!) und kriegen das Dampfbootchen zum Glück problemlos wieder frei. Die Fischer am Ufer hatten so auch etwas Aussergewöhnliches zu bestaunen.

 

Und am letzten Abend sitzen wir alle noch einmal zusammen, erzählen und erinnern uns und denken auch an die, die leider nicht dabei waren. Es war wunderschön. Und wir freuen uns auf das nächste Jahr!

 

 

Dampfboottreffen VSD                                                                         Freitag, 8. September - Mittwoch 13. September

Heute geht es los, nach Gwatt am Thunersee. Trailern und das Einkranen der «Lady Makepeace» macht René allein, ich komme mit dem VW-Bus, direkt nach dem Nachtdienst. Wir treffen zufällig fast gleichzeitig auf dem Campingplatz ein - René ist die paar hundert Meter vom Jachthafen gedampferlet bis zu unserem Bootsplatz gleich bei den Zelten. Da sowieso schon angeheizt ist, drehen wir gleich eine Runde. Der See ist tiefblau, das Bergpanorama einmalig, Eiger-Mönch-Jungfrau sind schon strahlend weiss vom ersten Schnee, der Niesen hat einen Kragen. Es windet ein bisschen, aber das Wetter ist mehr als ok. An der kleinen Halbinsel beim Resort haben sich schon ein paar Boote eingefunden: die «Vaporosa» mit Peter (schön, dass sie wieder dampft, und erst noch in der Schweiz!), die ganz neue und sehr schöne «Pandora» mit dem unheilvollen Namen und dem stolzen Mario, die «Iris» aus Frankreich, die «Louisiane» mit dem neuen (Albert) und dem alten (Pierre Edgar) Besitzer – sie ist jetzt am Bielersee. Die «Liberty Belle» natürlich, die «Heron» als einzige Deutsche, das einheimische «Fünkli». Der «Dampfhans» sucht noch einen Schlipf, um einzuwassern, wird dann aber auch dazu stossen. Wir dampfen gemütlich ein bisschen herum. René erzählt von seinen Abenteuern: dem Seil, das sich bei seinen Anker-Versuchen im Propeller verheddert hat. Dass er neben dem schmalen ausgebaggerten Kanal vor dem Campingplatz neben der «Lady» im glitzernden Thunersee stehend das Seil schlussendlich lösen konnte. Dass er (zum Glück!) schon die vorzeigbaren längeren Winterunterhosen anhatte und nicht die knapper geschnittenen Sommerhösli. Und dass ihm eine der – vielen! - Hundespaziergängerinnen auf dem ganz nahen Weg geraten hat, er müsse dem schönen Boot Sorge geben – und sich selber schon auch, das Wasser sei nicht mehr so warm…

 

Nach dem Info-Abend im Resort-Hotel bewundern wir unsere neue Trophäe vom diesjährigen Treffen, kuscheln uns gemütlich in unsere Schlafsäcke und freuen uns auf den morgigen Tag.

 

Der ist leider ein bisschen kühl und trüb, leichtes Tröpfeln. Obwohl es für alle ziemlich früh ist, finden sich die Boote brav so um halb zehn unter Dampf vor dem Resort ein. Die «Penelope» mit den Müllers und die «Seraphine» mit den Badertschers logieren auf der anderen Seite des Sees, sie hört man pfeifen lange bevor man sie sieht. Die kleine «Kind of Blue» tschtschlet tapfer um die Gruppe herum. Sie ist noch ganz neu und traut sich nicht so weit vom Ufer weg. Das ist weise: man sieht Christian schon bald mit dem Schöpfer hantieren… Wir anderen fahren ein paar unentschlossene Schleifen, bis ich realisiere: «man» wartet auf den Lead! Hahaaa, WIR haben die Familie Aebi an Bord, WIR sind für einmal das Flaggschiff, WIR übernehmen! Also los: Tempo geben, ein ganz langer Pfiff – und die «Lady Makepeace» dampft Richtung Schloss Schadau. Ich traue meinen Augen kaum: es klappt! 12 Boote, inklusive die von irgendwoher eingetroffene «Isle of Jura» und das Dampfboot «Escarbille» und am Anfang sogar noch die «Kind of Blue» folgen uns in V-Formation. Ein supercooles Gefühl… Bald darauf verwuschelt das Ganze wieder zur gewohnten Dampfboot-Herde, aber für einen Moment fühlen wir uns wie ein Admiral mit seiner Flotte. Thomas und Aaron Aebi wechseln sich als «Lady»-Kapitäne ab und strahlen um die Wette. Ich kredenze einen Öpfelschampanjer aus dem Thurgau als Apèro, und wir bringen einen Toast auf den «grossen Organisator» des diesjährigen Treffens aus. Das Anlegen in Spiez zum Kaffee-Trinken übernimmt dann wieder der «richtige» Kapitän René. Im leichten Nieselregen - mit einem Zwischenstopp zum Holz ein- und Gäste ausladen - zurück zum Zeltplatz und unserem Hippie-Bus, zum Umziehen. Heute ist der Gala-Abend auf dem DS «Blüemlisalp» angesagt. Es ist weiterhin eher kühl, die Sonne geht dramatisch hinter jagenden Wolken unter, die Schneeberge sieht man immer wieder für ein paar flüchtige Momente, der Niesen trägt jetzt Hut, Kragen und Degen gleichzeitig. Der Thunersee ist bleigrau-silbern mit Schaumkronen, die «Blüemlere» pflügt unbeirrt durch die Wellen. Wir kommen am Bootssteg des Hotels vorbei, in dem einige Dämpfeler logieren. Die «Penelope» ist ganz vorne und schwankt im lebhaften Wind ziemlich prekär hin und her. Aber das tut sie schnell mal – sagt man, und dann sind wir vorbei. Noch einen besorgten Blick zurück – und schnell zurück ins Warme. Noch einen Kaffee vor dem Rundgang durch den immer wieder faszinierenden Maschinenraum, von Werni Steiner organisiert. Ich habe diesen warmen Geruch nach Öl und Dampf einfach gern…

 

Die folgende Nacht wird als «die Nacht der tanzenden Dampfschiffe» in die Annalen des VSD eingehen. Die losgerissene «Seraphine» wird nachts um zwei von der Seepolizei aufgefischt und auf die andere Seite in Sicherheit gebracht. Die «Liberty Belle» hat vorsichtshalber auf dem Trailer übernachtet. Die «Iris» demoliert den schon ziemlich morschen Steg und reist früh am Morgen zusammen mit der «Louisiane» ab. Koni, seine «Penelope» und stürmisches Wetter werden wohl nie mehr Freunde. Und zu allem wird die Seepolizei jetzt auf die Dampfboote aufmerksam und bemerkt, dass die «Heron» nicht die richtige Bewilligung hat. Darum transportieren wir Aaron von Gwatt nach Faulensee zum Polizeiposten und dampfen nur noch mit Philipp als Gast weiter. Kamil vom «Heron» ist später des Lobes voll, wie Aaron das Problem gelöst hat – sehr ruhig und umsichtig, sagt er. Aber aus dem Grund fehlt er beim Begrüssungs-Spalier für die «Blüemlisalp» vor Gunten. Dafür übernimmt Werni hier das Szepter beziehungsweise das Megaphon. Er schwingt sich behände auf das Dach des ihm sehr vertrauten «Fünkli», trotzt Wind und Wellen wie weiland der Tell in Rossinis Oper. Flammend seine Befehle an die Dampferflotte: «und jetz ä Reihe» -«alli dä Bug Richtig Eiger» - und dann gibt es ein ganz wunderbares Dampfpfeifenkonzert. Zu schade, dass niemand von uns auf dem grossen Dampfschiff war und diesen bestimmt tollen Anblick fotografiert hat!

 

Am Abend – der wettermässig zum Glück etwas ruhiger verläuft als der gestrige – sind wir wieder auf einem Schiff: der hübschen alten MS «Oberhofen», gechartert von der Familie Aebi. Die nähere und weitere Verwandtschaft wurde zur Mithilfe «verknurrt» und lieferte einen perfekten Catering-Service ab: ein köstlicher, frisch und selbst zubereiteter Apero riche, serviert von der Jungmannschaft in ordentlichem Schwarz-Weiss-Outfit. Nicht schlecht, das Ganze, wir sind beeindruckt und müssen am Schluss beinahe aus dem Schiff gejagt werden, so gut hat es uns gefallen.

 

Und schon bricht der letzte Tag an. Das Wetter ist wie die ganze Woche etwas durchzogen, kühl, aber es ist immer möglich zu dampferlen. Das Panorama ist nie mehr so postkartenmässig wundervoll wie am ersten Tag, aber die Sonne bricht immer wieder durch, und mehr als kurzer Nieselregen kommt nicht vom Himmel. Wir heizen ein und versammeln uns diesmal auf der anderen Seeseite. Die «Seraphine» macht sich auf den Weg direkt nach Spiez, die «Penelope» folgt ihr etwas langsamer. Sie kriegt einfach keinen Druck hin… Schliesslich telefoniert Koni um Hilfe, und Peter samt «Seraphine» saust sofort aus dem Hafen. Retten, anbinden, abschleppen… Annegret mit dem Seil in der Hand erkundigt sich interessiert, warum denn wohl die Persenning auf dem Kamin liege? Zum Glück hatte sich noch kein Loch eingebrannt. Und nun weiss man ja auch, warum das mit dem Druck einfach nicht geklappt hat… Eine grössere Reparatur ist ja jetzt nicht nötig, was die Laune merklich hebt. Der eher tief im Wasser liegende «Dampfhans» verzichtet heute auf eine Ausfahrt, Michi und Judith quartieren sich auf dem «Fünkli» ein, Mimi steigt bei der «Isle of Jura» zu, die «Liberty Belle» ist auch schon eingetroffen, Thomas hüpft zu uns und übernimmt höchst zufrieden das steuern und feuern Er figuretlet an den verschiedenen Hähnchen und Ventilen herum und wirkt rundherum glücklich. Wir geniessen die Fahrt ganz an das obere Ende des Sees, nach Neuhaus. Dort gibt es Zmittag in der Gartenbeiz, es ist warm und sonnig genug. Nach dem Essen verändert sich das Wetter und wird ziemlich dramatisch: die Sonne wird immer wieder von jagende Wolken verdunkelt, die Berge sind nebelverhangen, der See wird türkisgrün, die Starkwind-Warnung beginnt zu blinken. Thomas hat die «Lady» schon angeheizt, ein bisschen Wasser nachgepumpt, und pfeift ungeduldig. Das «Fünkli» bewacht seine kleine Herde wie ein aufmerksamer Hirtenhund. Wir schleichen am Ufer entlang, immer auf dem Sprung in den nächsten schützenden Hafen. Wind, Wellen, super Stimmung mit schwarzem Himmel, trotzdem Sonne, das Wasser glitzert und funkelt. Und dann kommt kurz vor Spiez innerhalb von Sekunden starker Wind auf. Der See wird immer grüner und ist urplötzlich voll Schaumkronen, dazu Gegenwind… Wir kämpfen uns durch die schäumende Gischt, die «Lady» tanzt vergnügt auf den brechenden Wogen, ich bin pflotschnass vorne im Bug und bestens gelaunt. In meinem nächsten Leben werde ich Galionsfigur! René und Thomas halten unser Bootchen auf Kurs und das Feuer am Brennen. Die «Isle of Jura» pflügt sich unbeirrt durch das Chaos, die Schaufelrädchen der «Belle» drehen und drehen und halten sich wacker. Wernis «Fünkli» umkreist uns und treibt uns an. Und nach der Felsnase wird es schlagartig ruhig, wir laufen in den Hafen von Spiez ein – dort ist es fast windstill und sonnig und warm. Wir trinken einen Tee-Rum auf dieses Abenteuer und fühlen uns wie echte Seebären. Innerhalb von einer Stunde flaut der Wind genügend ab, wir dampfen alle wieder sicher zu unseren diversen Anlegeplätzen zurück. Was für ein schöner und überaus abenteuerlicher Tag das war! Thomas – der uns in Spiez verlassen hat – hat während der ganzen Fahrt das Steuer nicht mehr hergegeben. Er ist des Lobes voll und findet unsere kleine «Lady Makepeace» ein ganz tolles Dampfbootchen – genau wie wir!

 

Diese Woche gelernt: alle Dampfboote können tanzen – manche tun es einfach ein bisschen lieber als andere!

 

 

Abdampfen auf dem Weingut «Haltnau»                                          Sonntag, 8. Oktober

Ein goldener Herbst, warme sonnige Tage, flammend gefärbte Wälder und tiefblauer Himmel – nur für dieses Wochenende sagt der Wetterbericht schlechteres Wetter voraus! Dabei wollten wir einen ordentlichen Dampfboot-Konvoi von Konstanz aus bis zum Weingut Haltnau bilden… Andreas Ellegast hat geladen, und da machen wir natürlich wenn immer möglich mit. Auch viele andere haben – eigentlich – zugesagt. Und jetzt das: kühl, ein bisschen Regen ist vorausgesagt, und - vor allem für uns mit der eleganten schmalen, für romantische englische Flüsschen konstruierten «Lady Makepeace» - eher ungünstig: windig. Besorgt beobachten wir die Wetterlage. Aber am Vorabend um 20:00 entscheidet der Kapitän: «ok, wir wagen’s!» Es hat wahrscheinlich geholfen, dass zwei grosse, flehende, weibliche Augenpaare aus der Ferne ihre Signale ausgesendet haben… Kim meldet sofort die freudige Nachricht an Joan: er hat «ja» gesagt, die Fahrt findet per Dampfboot statt! Sie freut sich sehr, weder sie noch ich sind schliesslich aus Zucker, ein bisschen Regen macht uns nichts aus, und der Wind ist ja auch nicht sooo stark vorausgesagt…

 

Ich hole Joan von der Autofähre in Romanshorn ab, René hat in Güttingen schon angeheizt (und vom anwesenden Bäcker ein paar Brötchen als Notproviant erstanden) Der Kapitän gibt Befehle, seine beiden Matrosinnen führen aus. Es ist zwar trüb, aber sonst wettermässig kein Problem. Wir dampfen dem mystisch-grauen Ufer entlang bis zum Eichhorner Feuer und kommen sehr pünktlich beim verabredeten Treffpunkt an. Die über hundertjährige «Gustav Prym» ist schon da; der originelle, eifrig um sich spritzende Heckrad-Waidling «Joseph Conrad», und die schlanke, hohe, eher kopflastige «Aladin», die wir leider viel zu selten sehen, weil sie nur im Frühling und im Herbst eingewassert wird. Das weiss-goldene Salonschiff «Diana» umkreist uns kurz, winkt freundlich, und nimmt schon mal Kurs auf die Haltnau. Sie dient als Transport für die Dixie-Band, die den ein klein bisschen durchfrorenen Schiffbesatzungen dann einheizen soll. Die «Seraphine» ist von Altnau aus in direkter Linie über den See gedampft. Der «Felicitas» war – verständlicherweise – der Weg von Wasserburg bei diesem ungewissen Wetter dann doch zu weit, und die «Butterfly»-Besatzung hat sich schlussendlich fürs Auto entschieden. Aber immerhin: unter Führung der stolzen «Patrizia» mit ihrer markanten Rauchfahne treffen sechs Dampfboote im Weingut ein und erregen viel Aufmerksamkeit. Nur die «Patrizia» wagt es, am neuen Steg mit Bojen anzulegen, wir anderen suchen Schutz in den beiden kleinen Häfen rechts und links. Der offene See ist uns dann doch etwas zu unruhig. In der heimeligen Gaststube begrüsst man Freunde und Bekannte, einige sind als Passagiere mitgedampft, andere sind halt per Strasse angereist. Josy von der «Josef Conrad» und Kim von der «Lady Makepeace» hüpfen gemeinsam einbeinig herum. NEIN, ausserhalb der Dampfboote zeigen wir uns NICHT in den verratzten flachen rutschfesten Segeltuch-Latschen, sondern NUR mit Absätzen! Josy und ich mögen uns auf Anhieb… Die Stimmung ist famos, der hier angebaute Wein ist süffig, die Dixie-Band spielt fetzige Stücke. Hans und Elfriede Götz sind da, Klaus und Michael (Elsa wird immer noch schmerzlich vermisst…), hier lernen wir auch die «Aladin»-Leute etwas näher kennen. Endlich kann ich Gabi Ellegast wieder mal umarmen. Josef Schuck ist da, leider ohne Annette, die finde ich auch «a Nette». Ich erneuere meine Bekanntschaft mit Immo, dem Steuermann der «Gustav Prym», wir kennen uns von den Filmaufnahmen am Überlinger See. Die «Gustav P.» dampft leider schon ziemlich früh wieder los, sie haben eben einen weiten Heimweg bis nach Bodman. Der Rest bleibt noch ein bisschen, bestellt noch ein Viertele. Die Dixie-Band spielt zum Abschluss noch mal den «weissen Schwan» der schönen Bodensee-Fischerin, und alle singen mehr oder weniger wehmütig mit. Und dann müssen auch wir langsam mal aufbrechen.

 

René hat schon ein bisschen angeheizt, der Druck steigt zügig. Der Wind hat unterdessen ziemlich aufgefrischt, zum Glück regnet es nicht. Solange wir die ziemlich hohen Wellen im Konstanzer Trichter gut schneiden können, haben wir keine Probleme, die «Lady M.» tanzt sehr gut über den kabbeligen See, diese Erfahrung haben wir unterdessen schon ein paarmal gemacht. Aber statt quer ‘rüber direkt nach Güttingen/Altnau führt unser Rückweg (und zu ihrem Leidwesen auch der der «Seraphine» weit vor uns) wieder über das Leuchtfeuer. Danach sind wir eher im Windschatten der umgebenden Hügel und dampferlen dem Ufer entlang – über Bottighofen – zurück. Eine Zeitlang begleitet uns die «Patrizia», dann biegt sie ab Richtung Konstanz. Der «Josef Conrad» will eigentlich nach Staad, aber er scheint Schwierigkeiten (mit dem Gegenwind?) zu haben. Irgendwann wechselt er den Kurs und hält auf die Meersburg zu. Unsere tapfere «Lady» trotzt den widrigen Umständen problemlos. Das Feuer brennt, die Maschine stämpfelet, der Druck hält, die Rettungswesten befinden sich im Bug, wir fühlen uns sicher. Wir sind – da ohne Salon – warm eingepackt und bester Dinge. Joan ist ja auch eine erfahrene Dampfböötlerin, und da sie Kajak fährt, ist sie auch nicht wasserscheu. Es ist trotz des Wetters («rettet den Genitiv» statt provinziell-schweizerischer Dativ!) eine wunderbare Fahrt – wie eigentlich alle Dampfboot-Fahrten das sind. Joan passt wunderbar zu uns, wir unterhalten uns gut und haben es lustig. In Güttingen angekommen, bringe ich sie gleich auf die nächste Friedrichshafener Fähre, bis nach Aulendorf ist es noch weit… René werkelt unterdessen das Nötigste herum und deckt dann zu. Peter und Annegret von der «Seraphine» schauen noch schnell im Hafen vorbei, sie wollen sicher sein, dass auch wir heil angekommen sind. Nett!

 

War schön, unser gemeinsames Abdampfen… Unsere Boote werden jetzt nach und nach im Winterschlaf versinken, aber wir freuen uns alle schon auf eine neue tolle Saison im 2018!